Tatort: Alte Aischbrücke

Was hat Josef Schmitt, 89 Jahre alt, Rollator-Fahrer dort bei frostigen Temperaturen getan?

Wir befinden uns auf der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Aischbrücke in Höchstadt. Stiller Zeuge der Geschehnisse sind der Heilige Nepomuk, gehauen aus Sandstein, zahlreiche Autos und ihre Fahrer*innen, Menschen auf Fahrrädern und vorbeiflanierende Leute. Die Temperaturen liegen rund um den Gefrierpunkt, kürzlich war der „Welttag der Kranken“: der Gedenktag, an dem Kranken, Alten, Gebrechlichen aber auch unter Einsamkeit Leidenden gedacht wird. Gehört etwa auch der ältere Mann auf der Brücke dazu?

Der Herr sitzt auf einer Gehhilfe und hat den Oberkörper tief nach unten in Richtung Kopfsteinpflaster gebeugt. Ein großes Schild auf dem Rollator zeigt, zu welchem Seniorenheim Mann und Gehhilfe gehören. Was tut er auf der Brücke? – Josef Schmitt ist kein Notfall, er benötigt keine Hilfe, denn stattdessen hilft er selbst. In Feinarbeit kratzt er mit einem langen Schuhlöffel aus Metall Dreck und Bewuchs aus den Fugen des Kopfsteinpflasters. Mit einem Handbesen kehrt er den Schmutz anschließend zusammen und entsorgt ihn. Was motiviert ihn zu dieser Tat? „Ich möchte die Freizeit, die ich habe, nutzen und etwas zurückgeben“, sagt Schmitt.

Die Kolpingsfamilie Höchstadt hat ihn interviewt: 

Kolpingsfamilie: Herr Schmitt, warum tun Sie das, was motiviert Sie dazu?
Schmitt: Mit meiner Familie war ich immer wieder wandern oder ging spazieren. Ich liebe die Natur, sie liegt mir sehr am Herzen. Jetzt möchte ich die Freizeit, die ich habe, nutzen und etwas zurückgeben. 

Sie strahlen große Freude und Zufriedenheit aus. Was gibt Ihnen diese Freude?
Schmitt: Ich war immer glücklich, in allen Lagen. 

Sie haben von Ihrem Schlaganfall erzählt, den Sie vor wenigen Jahren bekommen haben. Wie geht es Ihnen heute damit?
Schmitt: Im Jahre 2021 ist meine liebe Frau Helga verstorben. Mit ihr war ich fast 60 Jahre verheiratet. Der Schlaganfall kam im selben Jahr. Ich hatte da zwei bis drei Jahre hart zu kämpfen, dann war ich wieder in der Reihe. 

Sie wohnen seit vier Jahren in Höchstadt. Wo haben Sie vorher gewohnt und was haben Sie früher gemacht? 
Schmitt: Ich komme aus Unterfranken, aus Großblankenbach in der Nähe von Aschaffenburg. Meine Frau lernte ich in Frankfurt kennen, und wir wohnten bis 2021 in Heusenstamm bei Offenbach/Main. Seit meinem Schlaganfall bin ich nach Höchstadt ins St. Anna Seniorenheim gezogen, in die Nähe meiner Tochter.

Was würden Sie sich für die Gesellschaft wünschen und was für sich selbst?
Schmitt: Ich würde der Gesellschaft wünschen, dass alle glücklich sind. Und von dem Glück möchte ich weitergeben. Ich selbst möchte für die Zeit, die ich noch habe, ebenso glücklich sein.

Was tun Sie, wenn Sie die Brücke vom Dreck befreit haben. Was haben Sie als nächstes vor?
Schmitt: Ich werde sehr viel spazieren gehen und dann werde ich sehen was kommt.

Herr Schmitt, für das was Sie tun haben Sie unsere tiefe Wertschätzung. Vielen Dank für das Interview und Ihnen von Herzen noch alles Gute! 

Im Anschluss an das Interview teilte Schmitts Tochter Petra Koch aus Höchstadt der Kolpingsfamilie über ihren Vater Folgendes mit: „Er war zeitlebens mit großer Leidenschaft aktiv und pflegte seine Freundschaften. In Heusenstamm war er Mitglied im Kirchenchor und in der Kirchengemeinde immer bereit, anderen zu helfen. Am liebsten reparierte, konstruierte und baute er etwas. Am Nikolausmarkt übernahm er bei der Kolpingsfamilie Standdienste. Große Freude machte ihm die Gruppe der Wanderfreunde mit den vielen Ausflügen, Urlauben und Hüttenübernachtungen. Aufopferungsvoll kümmerte er sich viele Jahre um seine gehbehinderte Frau. Auch heute noch liebt er das Spazierengehen oder irgendetwas sauber zu halten.“ Josef Schmitt hat zwei Enkelkinder und eine Urenkelin im Alter von sechs Monaten. 


Text: Wilfried Stocklassa

Feedback-Grafik

Feedback?

Du willst uns Feedback geben oder hast Anregungen?
Schreib uns gerne:

magazin@kolping.de