Zwischen Trümmern und Zukunft

Darisuz Grzeliński, Vertreter der Europa-Union Offenbach e.V. und der Kolpingsfamilie Seligenstadt, auf diplomatischer Mission in Kiew

Es war keine gewöhnliche Reise, die Dariusz Grzeliński, Vertreter der Europa-Union Offenbach e.V. und der Kolpingsfamilie Seligenstadt, antrat. Der Zug, mit dem er die Grenze zur Ukraine überquerte, steht in keinem Fahrplan. Die Ukrainer nennen ihn „diplomatytschnyj“ – ein Zug für Staatsgäste, Diplomaten, Menschen mit einer Mission. In einem dieser Abteile, in denen einst Präsidenten schliefen, lag nun Dariusz – mit dem Wissen, dass vor ihm Tage voller Begegnungen, Erinnerungen und Verantwortung lagen.

Orte, die nicht vergessen lassen
Borodjanka. Irpin. Butscha. Drei Namen, drei Wunden. Dariusz stand vor dem gespaltenen Wohnhaus in Borodjanka, das durch eine russische Bombe auseinandergerissen wurde. Er sah das Banksy-Mural – ein Kind, das auf Trümmern turnt. Ein Bild, das Hoffnung und Schmerz zugleich ausdrückt.

In Irpin ging er über die berühmte „Straße des Lebens“, vorbei an der zerstörten Brücke, die einst tausenden Menschen die Flucht ermöglichte. Und in Butscha – dort, wo das Grauen einen Namen hat – legte er gemeinsam mit Stefan Pohl aus Bonn einen Kranz nieder. 400 Opfer. Darunter Frauen, Kinder, mit den Händen auf dem Rücken gefesselte Männer. Dariusz schwieg. Und in diesem Schweigen lag alles: Trauer, Wut, Entschlossenheit.

„Manchmal fragen mich Menschen, warum ich mich für die Ukraine engagiere“, sagte er später. „Meine Antwort ist: Butscha.“ 

Eine Nacht, die sich einbrennt
Im Hotel Maidan Palace schien der Abend friedlich. Dariusz aß Chachapuri, trank ein ukrainisches Bier. Doch gegen Mitternacht änderte sich alles. Die App „Alert!“ warnte vor einem massiven Raketenangriff. Sirenen heulten. Explosionen erschütterten die Stadt. Dariusz zählte sieben Einschläge – dann hörte er auf zu zählen. Drei Stunden lang saß er im Badezimmer, zwischen Angst und Hoffnung. Am Morgen war Kiew noch da. Und mit ihm der Wille, weiterzumachen.

Ein Kongress der Stärke
Am 6. Juni versammelten sich über 100 Delegierte aus 20 Ländern in Kiew. Präsident Wolodymyr Selenskyj betrat den Saal – und alle erhoben sich. Die ukrainische Hymne erklang, und Dariusz legte die Hand auf sein Herz. Es war ein Moment, der ihn tief berührte.

In den Panels (Arbeitsgruppen) sprach man nicht in Floskeln, sondern in Taten. Dariusz hörte von einem Bonner, der 50 Feuerwehrautos in die Ukraine schickte. Er fragte nach – denn solche Projekte will er auch in Hessen realisieren. In Gesprächen berichtete er von Schulpartnerschaften, Jugendaustausch, kommunaler Zusammenarbeit. Und immer wieder spürte er: Die Menschen hier glauben an Europa. Und an uns.

Ein Dokument für die Zukunft
Die „Declaration of the III International Summit of Cities and Regions“ wurde einstimmig verabschiedet. Sie ist mehr als Papier – sie ist ein Versprechen. Für Wiederaufbau, für Integration, für Menschlichkeit. Sie fordert nicht nur Hilfe, sie bietet Zusammenarbeit an. Auf Augenhöhe.

Ein Mensch zwischen zwei Welten
Dariusz wird oft als „Botschafter der Ukraine“ in Deutschland bezeichnet. Doch in Kiew fühlt er sich als Botschafter Deutschlands. Er legt Kränze in Schwarz-Rot-Gold nieder – als Zeichen, dass Deutschland an der Seite der Ukraine steht. Nicht nur mit Geld, sondern mit Herz.
Er kehrt zurück mit neuen Ideen, neuen Kontakten – und einem noch stärkeren Willen, Brücken zu bauen. Seine Teilnahme am nächsten Kongress hat er bereits zugesagt.

„Diese Reise endet nicht mit der Rückfahrt“, sagt er. „Sie beginnt jeden Tag neu – mit dem Mut, nicht wegzusehen.“

Text: Darisuz Grzeliński

Feedback-Grafik

Feedback?

Du willst uns Feedback geben oder hast Anregungen?
Schreib uns gerne:

magazin@kolping.de