Der Weg aus der Armut hat vier Beine

In Indien kann eine Milchkuh das Schicksal einer Familie verändern – und manchmal sogar das eines ganzen Dorfes.

Katharina Nickoleit

Reena Rosiline mit ihrer Milchkuh Lakshmi

“Das hier, das ist Lakshmi.” Stolz zeigt Reena Rosiline den Besucher*innen aus Deutschland die braune Kuh in ihrem Stall. Dass sie diesen wichtigen Familienbesitz nach der hinduistischen Göttin für Reichtum benannt hat, ist kein Zufall. Zwar ist Reena Katholikin. Dennoch hat Lakshmi auch ihr zu bescheidenem Wohlstand verholfen. Die 36-Jährige wohnt mit ihrem Mann, den beiden Kindern und ihrer Mutter in Kirampara, einem kleinen Dorf im Bezirk Sultanpet im südindischen Bundesstaat Kerala. Früher waren Reena und ihr Mann auf Tagelöhnerjobs angewiesen. Beide verdienten zusammen weniger als fünf Euro am Tag – und das auch nur, wenn sie denn Arbeit fanden. Seit die Familie vor gut eineinhalb Jahren mithilfe eines Kolping-Kleinkredits eine Kuh kaufen konnte, hat sich ihr Leben grundlegend verändert. “Seit wir Lakshmi haben, müssen wir nicht mehr jeden Morgen zittern, ob es irgendwo Arbeit gibt. Und wenn die Lebensmittelpreise steigen, liege ich nicht mehr nachts wach und überlege, ob ich lieber auf eine Mahlzeit verzichten oder an den Schulgebühren sparen soll”, meint sie.

Das Milchviehprojekt von KOLPING Indien unterstützt insbesondere Frauen in ländlichen Regionen dabei, zusätzliches Geld für ihre Familien zu erwirtschaften. Die Haltung von Milchkühen, Büffeln oder Ziegen hat sich als rentable Einkommensquelle erwiesen, die sich gut mit den täglichen Aufgaben im Haushalt und gelegentlichen Tagelöhnerjobs vereinbaren lässt. Bei ausreichend Regen und Futter geben die Tiere täglich zehn bis zwölf Liter Milch. In Kerala garantiert der Staat einen festen Milchpreis. Durch den Verkauf der Milch entsteht so ein regelmäßiges Grundeinkommen, auf das sich die Familien verlassen können.

Doch für arme Familien ist die Anschaffung einer Kuh kaum erschwinglich. Deshalb übernimmt KOLPING einen Teil der Kosten. Den Rest finanzieren die Familien über die Spar- und Kleinkreditprogramme ihrer Kolpingsfamilien. Auch Reenas Kolpingschwester Anita hat diesen Schritt geschafft. “Ich konnte dank eines Kredits von KOLPING eine Kuh kaufen.” Inzwischen hat sie zwei Kälber bekommen. Heute verkauft Anita daher schon die Milch von zwei Tieren. Damit verdient sie täglich knapp acht Euro. “Von diesem Geld kann ich leben und habe keine Sorgen mehr.” Sie kann Schulgebühren, Uniformen und Nachhilfe für ihre Kinder bezahlen – ebenso wie notwendige Medikamente.

“Seit wir Lakshmi haben, müssen wir nicht mehr jeden Morgen zittern, ob es irgendwo Arbeit
gibt. Von diesem Geld kann ich leben und habe keine Sorgen mehr.”

Reena Rosiline

Mehr Selbstvertrauen und Anerkennung

Die Tierhaltung schafft jedoch nicht nur Einkommen. Weil die Frauen finanziell unabhängiger werden, gewinnen sie auch an Selbstvertrauen und gesellschaftlicher Anerkennung. Reena engagiert sich mittlerweile als Vorsitzende ihrer Kolpingsfamilie. Zudem vertritt sie ihr Dorf als gewählte Delegierte bei öffentlichen Belangen und setzt sich bei der Bezirksregierung für Verbesserungen ein. “Ich hätte niemals für dieses Amt kandidiert, wenn ich nicht Kolpingmitglied wäre. Ich habe so viel dort gelernt: Welche Rechte wir haben und dass wir sie einfordern können. Wie man diese Bedürfnisse formuliert und frei vor einem Publikum spricht.” All das war Teil eines Führungskräftetrainings bei KOLPING, das Reena nachhaltig gestärkt hat.

Engagement für das Gemeinwohl

Und sie ist nicht die Einzige: In vielen Dörfern der Region übernehmen Frauen aus Kolpingsfamilien heute Verantwortung. Sie organisieren sich, unterstützen einander und gestalten ihre Gemeinschaft. Die Nutztierhaltung schafft dafür den nötigen Freiraum. Wer nicht jeden Tag ums Überleben kämpfen muss, kann auch an morgen denken und sich für das Gemeinwohl engagieren. Das Milchkuhprojekt schenkt nicht einfach Nutztiere. Es eröffnet Wege aus der Armut. Es schafft Einkommen, Bildungschancen und Würde. Es stärkt Frauen, Familien und ganze Dorfgemeinschaften. Jede weitere Kuh bedeutet eine neue Perspektive.

Eine Kuh, eine Nähmaschine oder die Ausstattung einer Autowerkstatt – ein Kleinkredit schafft Zukunft.

Zum Artikel “Nächster Halt: Zukunft” – Projekt im Fokus

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