Gewalt und Drogen entfliehen

Frauen ein eigenes Einkommen und damit Unabhängigkeit zu verschaffen, ist eines der großen Anliegen von KOLPING im brasilianischen Caruaru.

“Schokolade, Kakao, Zucker, Mehl und Eier sind die Zutaten.« Konzentriert schreiben die Frauen mit, als Kursleiterin Ana Beatrice Vasconcelos die Mengenangaben für das Rezept diktiert: Schokobrownie-Kuchen. Von den 25 Teilnehmerinnen des Förderkurses können einige bereits backen und wollen sich weiterbilden, andere stehen ganz am Anfang. Doch sie alle verbindet ein gemeinsames Ziel: finanziell unabhängig zu werden. Für die Brasilianerinnen aus einfachen Verhältnissen ist das eine echte Herausforderung. ”Ich habe zwei Kinder und kann nicht außer Haus arbeiten. Dann müsste ich sie alleine lassen", sagt die 35-jährige Jucileia Conceicao Correia. “Aber backen – das kann ich auch daheim. Mit einem Kuchenverkauf kann ich Familie und Arbeit vereinen.”

“Dass ich etwas verdiene, macht mich unabhängig und verbessert meine Position in der Familie.”
 

Rivoneida da Silva Sausa

Hinter seinem hohen schwarzen Zaun wirkt das Kolpinghaus von Caruaru beinahe wie eine Festung. Es liegt in einem der ärmeren Viertel der mittelgroßen Stadt im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco. Nur eine Straßenecke weiter zieht sich eine Favela mit roh geziegelten Hütten den Hang hinauf. Gewalt und Drogen prägen das Viertel. Für Frauen, die diesem Umfeld entkommen wollen, stehen die Türen der “Casa Kolping” offen – ebenso wie das Herz der Direktorin Adriene Ferreira Mariel. “In vielen Familien hier gibt es körperliche wie psychische Gewalt. Weil die Frauen finanziell von ihren Männern abhängig sind, haben sie kaum Möglichkeiten, Respekt einzufordern oder der Situation zu entfliehen”, sagt sie. “Unsere Kurse geben ihnen Unterstützung, Motivation und Werkzeuge an die Hand, die sie brauchen, um ihre Lage zu verbessern.” Dazu gehört mehr als das Erlernen eines Handwerks. Wer unter schwierigen Bedingungen lebt, muss vor allem lernen, an sich selbst zu glauben. Deshalb beginnt der Förderkurs mit einer Standortbestimmung: Was will ich erreichen? Welche Stärken stecken in mir? Wo finde ich Unterstützung?  

“Bei KOLPING bekommt man Hilfe, Anerkennung und Motivation. Das ist sehr wichtig, um sich persönlich weiterzuentwickeln”, weiß die frühere Teilnehmerin Rivoneida da Silva Sausa aus Erfahrung. Die heute 50-Jährige absolvierte den Kurs vor fünf Jahren und machte sich danach mit einer Tortenbäckerei selbständig, die sie von zu Hause aus betreibt.

Zutaten für die Sebstständigkeit

Im zweiten Modul erwerben die Frauen unternehmerisches Know-how: Businessplan, Budgetkalkulation, Kundenakquise. Nur wer diese Grundlagen beherrscht, kann langfristig bestehen. “Je nachdem, welche Zutaten ich verwende und wie aufwendig die Dekoration ist, berechne ich zwischen 20 und 100 Real pro Kilo Torte”, erzählt Rivoneida. “Weil ich gelernt habe, das sehr genau zu berechnen, schaffe ich es, ein gutes Einkommen zu erwirtschaften.” Jeden Monat steuert sie umgerechnet rund 330 Euro zur Familienkasse bei. Auch Jucileia weiß, wie entscheidend dieses Wissen ist. “Wenn man nicht aufs Unternehmertum vorbereitet ist, wird das nichts mit der Selbstständigkeit!” Nach dem Kurs möchte auch sie den Schritt wagen und plant bereits, wie sie den Startkredit von umgerechnet gut 200 Euro sinnvoll in ihre Grundausstattung investieren kann.

“Kolping bedeutet Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft.”
 

Ana Beatrice Vasconcelos

Erst im letzten Modul geht es um das eigentliche Handwerk: das Backen. Dafür ist Ana Beatrice Vasconcelos zuständig. Die 27-jährige Bäckerin ist selbst Kolpingmitglied und engagiert sich ehrenamtlich. “KOLPING bedeutet Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft”, sagt sie. “Deshalb gebe ich diesen Kurs.” Neben Fachwissen teilt sie auch ihre persönlichen Lieblingsrezepte – und ihre Begeisterung.

Obwohl es in Caruaru keine einzige hauptamtliche Stelle gibt, haben die ehrenamtlich engagierten Kolpingmitglieder um Adriene Ferreira Mariel seit Projektbeginn 2019 mehr als 200 Frauen den Weg in die Selbständigkeit eröffnet. Die Nachfrage ist deutlich höher: Die Wartelisten sind lang, viele Frauen erhalten erst beim zweiten oder dritten Anlauf einen Platz. Denn die Kurse werden ausschließlich durch Spenden finanziert. Auch Rivoneida musste auf ihren Platz ein Jahr lang warten. Für sie bedeutet der Kurs weit mehr als ein zusätzliches Einkommen. “Dass ich etwas verdiene, macht mich unabhängig und verbessert meine Position in der Familie”, meint sie und erzählt, was vor einer Weile auf einem Familienausflug passierte. “Das Konto meines Mannes war überzogen, er konnte nicht mehr bezahlen. Aber ich konnte aushelfen! Das hat unsere Beziehung auf eine ganz neue Ebene gehoben, mein Mann war sehr stolz auf mich und hat jetzt viel mehr Respekt.” Rivoneida ist KOLPING dankbar – für die Chance, für das Vertrauen und für die Möglichkeit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Stell dir vor, du hättest Tatkraft, Mut und Träume – aber keine Möglichkeit, sie umzusetzen. So geht es vielen Frauen in Brasilien. Doch KOLPING macht’s möglich! 

Zum Artikel "Weil jede Frau eine Chance verdient" – Projekt im Fokus

Text: Katharina Nickoleit

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