Teilhabe als roter Faden
"Weil bei uns jeder zählt" – diese Botschaft vermittelt Prodia im Imagefilm »KOLPING ist bunt«, der anlässlich des Verbandsjubiläums 2025 produziert wurde (Link unten).
Vor 30 Jahren nahmen drei Aachener Kolpingmitglieder das Wort Jesu – "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind" – wörtlich und gründeten die Prodia Kolping-Werkstatt für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Heute bietet das Unternehmen an zwei Standorten rund 220 Menschen Arbeit.
Sie kommt gerade von einem Dialogforum im NRW-Landtag und ist schon auf dem Sprung in den Urlaub, aber Mariele Biesemann nimmt sich noch Zeit für das Meeting mit dem Werkstattrat. Teilhabe ist ein roter Faden ihrer Arbeit als Geschäftsführerin von Prodia, der Kolping-Werkstatt für Menschen mit psychischen Einschränkungen in Aachen. Dazu gehört die Interessenvertretung der Beschäftigten im Betrieb ebenso wie die Lobbyarbeit auf politischer Ebene, wann immer es in Behörden oder Parlamenten um die berufliche Integration von behinderten oder erkrankten Menschen geht. “Wir fragen nicht, was eine Person nicht kann”, sagt Mariele Biesemann, “sondern wir blicken darauf, was unsere Beschäftigten mitbringen, und wohin sie sich entwickeln wollen. Kein Mensch ist ohne irgendwelche Ressourcen.” Manchen wurde es allerdings zu schwer gemacht, ihre Ressourcen zu entdecken und zu entfalten. Es gibt Menschen, deren Lebensweg durch belastende Erfahrungen geprägt ist – zum Beispiel durch traumatische Ereignisse in der frühen Kindheit. Andere entwickeln erst im Erwachsenenalter psychische Erkrankungen, wie etwa Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen, oder erleiden ein Burnout. Infolge dieser Belastungen verlieren viele ihren Arbeitsplatz und können nicht mehr im regulären Arbeitsmarkt tätig sein. Ein großer Teil der 220 Beschäftigten bei Prodia kommen mit multiplen Diagnosen in die Werkstatt, wo sie ein individuelles Arbeits- und Bildungsangebot erhalten. Das kann eine Tätigkeit in Küche und Kantine sein, in der Tischlerei oder Näherei, bei der Gartenpflege oder vielen anderen Bereichen bis hin zur Mitarbeit in der Verwaltung. Sie beziehen ein monatliches Entgelt und sind sozialversichert. Genauso wichtig ist aber die individuelle Begleitung durch die pädagogischen Fachkräfte, die mit allen Beschäftigten einen Förderplan erarbeiten. Da kann es dann zum Beispiel um eine Fortbildung gehen – oder auch einfach ums Singen. Prodia hat nämlich einen eigenen Chor, der beim Festakt zum 30-jährigen Jubiläum mit dem Kolping-Lied das Publikum begeisterte.

Struktur gibt Stabilität
Gemeinsames Singen stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Und Gemeinschaft ist für Klaas G. ein zentraler Punkt. Er ist bei Prodia beschäftigt und engagiert sich im Werkstattrat. “Wir erleben hier eine große Vielfalt unterschiedlichster Menschen”, sagt Klaas G. “Als Werkstattrat können wir sie vertreten und im Betrieb mitbestimmen. Es wird mit uns geredet statt über uns.” Was aus Kolpingsicht ein zentraler Wert ist, angesichts der immer wieder vorgebrachten – und in Einzelfällen auch gerechtfertigten – Kritik an den Mitwirkungsmöglichkeiten in Werkstätten. Für Klaas G.’s Kollegen Stephan U. vermittelt diese Gemeinschaft auch Halt. “Prodia bietet uns eine Tagesstruktur”, erklärt Stephan U., “und diese Struktur gibt uns Stabilität.”
Idealerweise trägt diese Stabilität so weit, dass Beschäftigte der Werkstatt den Sprung auf den "allgemeinen Arbeitsmarkt" schaffen, also zu einem Betrieb der freien Wirtschaft oder auch zu einer Behörde oder anderen öffentlichen Stelle mit einem sozialversicherungspflichtigen Gehalt. Dabei helfen unter anderem “betriebsintegrierte Arbeitsplätze” – hier wechseln die Beschäftigten auf Probe zu einem anderen Arbeitsgeber, während Entlohnung und Sozialversicherungsbeiträge weiter über die Werkstatt laufen. Bis vielleicht aus dem Probelauf ein richtiger Wechsel zum neuen Betrieb möglich wird. “Wir beschäftigen Menschen, die in der Arbeitswelt das Gefühl haben, Außenseiter oder nicht schnell genug zu sein, nicht entsprechend den Anforderungen funktionieren zu können”, sagt Geschäftsführerin Mariele Biesemann. “Hier darf jede Person mit ihren persönlichen hundert Prozent arbeiten. Für diese hundert Prozent suchen wir eine Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.”
Bei manchen Menschen reicht das nicht, um zum Beispiel eine Berufsausbildung zu beginnen. Darum setzt sich Prodia im Verbund mit anderen Trägern und dem kolping-Landesverband NRW für die Möglichkeit von Teilqualifizierungen ein, um beim Übergang in eine Ausbildung die Hürden für manche Menschen zu senken. Dass solche Ideen in Düsseldorf und weiteren Pilotregionen schon erprobt werden, ist auch der Vernetzungsarbeit durch das Kolpingwerk zu verdanken, das unter anderem auch in den Handwerkskammern aktiv ist. Auch die Prodia ist in Aachen für das Tischler- und Textilhandwerk vertreten.

Nicht damit abfinden
Manche Menschen bleiben dauerhaft in der Werkstatt beschäftigt. Wie etwa jene beiden, die von der ersten Stunde an dort tätig sind, seit der Gründung vor 30 Jahren. Zum Jubiläumsfest erhielten sie eine besondere Ehrung. “KOLPING bedeutet, dass wir einen Bedarf sehen und dann zupacken”, findet Mariele Biesemann, die von sich selbst sagt, dass KOLPING ihr in den Genen liege, schon ihr Großvater war Kolpinger. Sie kam vor acht Jahren zu Prodia, da war der einstige Siebenpersonenbetrieb schon mächtig gewachsen und an zwei Standorten tätig – in Aachen-Brand und am Firmensitz in Aachen-Rothe Erde. Ihr war wichtig, das KOLPING-Bewusstsein in einem intensiven Leitbildprozess klar im Betrieb zu verankern. Was nicht bedeute, dass die Entwicklung stehenbleibe. Denn um die Lebenssituation der Menschen zu verbessern, wie es im Leitbild heißt, “passt KOLPING sich immer wieder den Umständen der Menschen an.” Für Mariele Biesemann heißt das: “Psychische Erkrankungen nehmen in unserer Gesellschaft zu. Aber wir finden uns nicht damit ab, dass Menschen ausgegrenzt werden, sondern begleiten sie auf ihrem persönlichen und beruflichen Weg.”
Persönlichkeit und Selbstbestimmung stehen im Mittelpunkt
KOLPING setzt sich auf vielfältige Weise für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen ein. Ziel ist es, ihnen Bildung, Arbeit und soziale Gemeinschaft zu ermöglichen. Menschen mit Handicap sollen nicht isoliert leben, sondern gemeinsam mit nicht behinderten Personen arbeiten und lernen – dabei stehen Selbstbestimmung und persönliche Entwicklung im Mittelpunkt.
Neben der Prodia in Aachen mit ihren Werkstätten und betriebsintegrierten Arbeitsplätzen in externen Unternehmen unterstützt auch das KOLPING-Berufsbildungswerk Hettstedt den Einstieg ins Arbeitsleben – etwa durch Berufsvorbereitung und praktische Erprobung in verschiedenen Berufsfeldern. Die Kolping Bildung Deutschland führt zudem Reha-Maßnahmen für Menschen mit Handicap durch, darunter berufsvorbereitende Bildungsangebote, Fähigkeitsfeststellungen, Berufsorientierung, Nachholen von Schulabschlüssen sowie integrative und kooperative Ausbildungen. Das KOLPING Schulwerk im Diözesanverband Paderborn begleitet Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen im schulischen Alltag (KM berichtete in Ausgabe 4/2024). Ein weiteres Beispiel für gelebte Inklusion ist »dasmarkt« des KOLPING-Bildungszentrums Westfalen in Hamm – ein integrativer Supermarkt, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten und so Teilhabe im Alltag verwirklichen.
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