Text und Foto
Das späte Nachmittagslicht fällt durch die bodentiefen Fenster des großen Pfarrsaals in Köln-Blumenberg. Vier Mädchen der Zirkusgruppe im Alter von neun bis vierzehn Jahren sitzen gemeinsam mit den Betreuerinnen Helena und Laura im Kreis auf dem Boden. Helena Schulze ist Sozialpädagogin und leitet das Projekt Blumenberg seit 20 Jahren. “An meinem ersten Tag hier habe ich gedacht: Das ist der Ort, an dem ich sein möchte. Und das hat sich in den 20 Jahren nicht geändert”, erzählt sie und ihr Lächeln spricht Bände. Laura kam früher als Teilnehmerin in den offenen, interkulturellen Jugendtreff. Jetzt arbeitet sie neben ihrem Studium der Sozialpädagogik hier. Sie sagt: “Ich habe hier enorm viel gelernt und viel Selbstbewusstsein erlangt.” Neben dem vielfältigen Angebot, zu dem unter anderem Hausaufgabenbetreuung sowie Koch- und Kreativgruppen gehören, habe auch die Tatsache eine Rolle gespielt, dass sie hier einen sicheren Ort hatte. Hier hat ihr jemand zugehört und sie ernst genommen. Sie hat gelernt, Konflikte friedlich zu klären, und dass man auch bei Streit zusammenhält.
Im Kölner Stadtteil Blumenberg leben viele Familien, die wenig Geld haben. Wie an vielen Stellen in Deutschland ist auch hier Kinder- und Jugendarmut ein Problem. Sie verhindert Teilhabe, beschränkt Zugänge und verfestigt Ungleichheit auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Um den Kindern Mut zu machen und ihnen Perspektiven für Ihre Zukunft zu geben, hat die Kolpingjugend im Diözesanverband Köln das Projekt Blumenberg gegründet. Es zeigt, wie erfolgreiche Jugendarbeit geleistet werden kann. Kinder und Jugendliche finden hier einen Ort, an dem sie sich ausprobieren, Gemeinschaft erleben und ihre Stärken entdecken können. Ob bei Sport, kreativen Angeboten oder im Alltag – sie werden begleitet, gefördert und ernst genommen. Gleichzeitig geht es auch um ein stabiles Umfeld und um interkulturelles Miteinander.
Die Kinder regieren

Nachdem sich die Kinder und Leiterinnen begrüßt haben, bespricht die Zirkusgruppe die Themen, die jede Teilnehmerin mitbringt. Dann macht Helena den Vorschlag, beim “Fest der Vielfalt” im benachbarten Kölner Stadtteil Chorweiler einen Tanz vorzuführen.
Die Mädchen sind sich einig, dass sie das auf keinen Fall wollen. Kurz ist Helena die Verwunderung und Enttäuschung anzusehen, aber sie hört sich die Gründe an und fragt nach. Ein einfaches: “Weil wir keine Lust haben” reicht der 43-jährigen Mutter von zwei Kindern nicht. “Ich hatte gehofft, dass die Mädels auf dem ‘Fest der Vielfalt’ auftreten wollen”, erläutert sie später, fügt aber hinzu: “Sie vermitteln mir glaubhaft, dass sie es sich nicht zutrauen, vor so vielen Menschen aufzutreten, die sie aus einem anderen Kontext kennen. Und das muss ich aushalten.”
ZukunftsFEST: Weil Zukunft Mut braucht
Mit der bundesweiten Spendenkampagne ZukunftsFEST setzt sich Kolping Deutschland seit 2021 für
gesellschaftliche Herausforderungen ein, die junge Menschen betreffen. Im Jahr 2026 steht das Thema Kinder- und Jugendarmut im Mittelpunkt.
Gemeinsam mit der Kolpingjugend werden Projekte und Bildungsangebote gestärkt, die Teilhabe ermöglichen.
Die Reportage aus Blumenberg zeigt beispielhaft, wie solche Orte wirken können. Sie steht stellvertretend für viele Initiativen im gesamten Verband. Mit Deiner Spende unterstützt Du Projekte bundesweit und hilfst dort, wo es am dringendsten gebraucht wird: in der praktischen Arbeit vor Ort ebenso wie in der jugendpolitischen Bildungsarbeit der Kolpingjugend.
Deine Spende für Teilhabe
Spendenkonto:
Gemeinschaftsstiftung Kolpingwerk Deutschland
IBAN: DE74 4006 0265 0018 0654 00
Verwendungszweck: ZukunftsFEST
Mehr Informationen und Spendenmöglichkeiten unter www.kolping.de/zukunftsfest
Mehr Informationen zum Projekt Blumenberg erhältst Du unter https://projektblumenberg.de/
Bei Fragen oder wenn Du Unterstützung bei der Spende wünschst, kannst Du Dich gerne direkt melden:
Svenja Thomas
0221 – 20701-205
svenja.thomas@kolping.de
Circus Blume auf der Bühne

Die Kinder haben bereits Erfahrung mit Auftritten vor großen Menschenmengen. Zuletzt traten sie als Circus Blume beim Jubiläumsfest von Kolping Deutschland im Kölner Tanzbrunnen vor rund 7.000 Menschen auf. “Da wurden nur zehn Gruppen ausgewählt und wir waren dabei!”, sagt die 12-jährige Amelia stolz. Und: “Als Helena uns das gesagt hat, sind wir ausgerastet.” Maja berichtet: “An dem Morgen vom Auftritt bin ich um fünf Uhr aufgestanden und konnte nichts essen. Ich wollte nicht auf die Bühne, weil ich so aufgeregt war. Aber als ich dann dort war, habe ich alles vergessen.” Mit leuchtenden Augen erzählen die Mädchen von dem Gefühl, gemeinsam im Rampenlicht zu stehen. “Mit meinen ganzen Freundinnen aufzutreten, hat mich glücklich gemacht” oder “Da würde ich gerne nochmal auftreten”, sagen sie.
Lernen, ernst genommen zu werden
“Es ist Teil der Partizipation, dass nicht immer alles so läuft, wie man es sich selbst vorstellt”, sagt Helena. Wichtig sei, dass Kinder und Jugendliche lernen, Sprachrohr für sich selbst zu sein, um ernst genommen zu werden. Darum sollen die Kinder lernen, zu argumentieren und ihre Gefühle ernst zu nehmen.
Diese Erfahrung ist für viele der jungen Menschen, die hierherkommen, neu. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund und machen in Schule und Gesellschaft oftmals Erfahrungen mit Ausgrenzung, Rassismus und manchmal auch mit verbaler oder physischer Gewalt.
Und doch sagt Helena: “Du wirst von den Kindern niemals hören: ‘Ich bin arm’ oder ‘mir geht es schlecht’.” Die Kinder seien sehr resilient. Der Ansatz in Blumenberg ist daher nicht defizitorientiert, sondern geprägt von der Idee: “Es ist superviel richtig – wie du bist und wo du bist”. Helena ist überzeugt, dass Kinder mit einer natürlichen Offenheit und Freundlichkeit auf die Welt kommen – frei von inneren Barrieren wie Vorurteilen und Ängsten, wie sie viele Erwachsene im Laufe ihres Lebens entwickeln."
Kinderrechte
Auch Lena Kaper, Referentin für jugendpolitische Bildungsarbeit im Bundessekretariat, ruft dazu auf, armutssensibel auf unsere Gesellschaft zu blicken und Menschen in Armut nicht durch eine defizitorientierte Brille zu betrachten. Die Arbeitsgruppe “Heute für Morgen” der Kolpingjugend hat einen entsprechenden Beschluss mit Forderungen erarbeitet, die für mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit sorgen sollen. Unter anderem geht es darum, Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen und Bildung für alle zu ermöglichen. Damit will die Kolpingjugend mit der Bundespolitik ins Gespräch kommen. Außerdem entwickelt die Jugendorganisation derzeit viele Bildungsprojekte, die das Thema veranschaulichen sollen, indem Hürden sichtbar gemacht und der Blick auf das eigene Umfeld geschärft wird. “Es geht auch darum, dass wir uns selbst reflektieren. Wenn wir ein Zeltlager für 30 Euro anbieten, die Voraussetzung aber ist, ein eigenes Zelt oder einen eigenen Schlafsack zu haben, wird es für manche Familien knifflig”, konkretisiert Lena beispielhaft.
In Blumenberg arbeiten die Kinder gerade an Zirkusnummern. Die beiden Pyramiden, die die Mädchen einüben, haben etwas Sinnbildliches: Die Stärkeren tragen die Jüngeren, und gemeinsam entsteht etwas Großes und Schönes. “Ich glaube wirklich, dass Kinder die Welt regieren sollten”, sagt Helena lachend.
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