Redakteurin
Ohne das Handwerk würde es das Kolpingwerk so nicht geben. Schließlich gründete Adolph Kolping – selbst gelernter Schuhmacher – vor 175 Jahren seinen katholischen Gesellenverein, um Handwerkern unter die Arme zu greifen. Grund genug, zu schauen: Wie wird Handwerk heute gelebt? Wie hat es sich verändert – und was ist seit Jahrhunderten gleich? Über Meister, Gesellen und Lehrlinge.
“Was eine Dombauhütte ist, wusste ich schändlicherweise gar nicht, als ich mich damals beworben habe”, beichtet Nele Dreizehner. Heute kann sich die frisch gebackene Steinmetzgesellin keinen anderen Arbeitgeber als die Dombauhütte Sankt Maria zur Wiese in Soest vorstellen – und möchte um keinen Preis mehr tauschen. Mit ihrer Begeisterung für die altüberlieferten Techniken und Traditionen dieses Werkstattverbandes steht die junge Gesellin, die sich auch Steinbildhauerin nennen darf, nicht allein da: Vor wenigen Jahren wurde das europäische Bauhüttenwesen nämlich von der UNESCO offiziell als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet.
Handwerk mit 40.000 Jahren Tradition
Obwohl Nele heute oft mit modernen Geräten wie Drucklufthämmern arbeitet, steht sie doch fast täglich mit seit Jahrtausenden kaum verändertem Werkzeug vor ihrem Stein: mit Meißel und Fäustel. Aktuell arbeitet die Gesellin an einem großen Klotz, der für die Kirchenfassade des Nordturms angefertigt wird. Einem riesigen, dreidimensionalen Puzzle gleich soll auch dieser Baustein dann später seinen Platz in exakter Position finden und dem über 700 Jahre alten Gebäude auch langfristig die nötige Stabilität bescheren. Hochkonzentriert und mit besonnener Ausdauer haut Nele filigrane Schmuckelemente – so genannte Krabben – in den grünen Sandstein. “Ich muss mich vier, fünf Stunden am Stück auf eine Sache konzentrieren und das täglich. Morgen ist der Stein nicht fertig und übermorgen auch noch nicht. Die größte Herausforderung ist wirklich, in der aktuell so hektischen und schnelllebigen Zeit mit TikTok und Handys die Ruhe, die Ausdauer zu finden, das durchzuhalten.” Aus Versehen zu viel Stein abhauen, das passiert den Profis dank ihrer fundierten Ausbildung so gut wie nie – zum Glück, denn “ankleben” gehört sich nicht!
Fast meditativ kann die Arbeit am Stein werden, wenn der Rhythmus des Werkzeugs mit dem Körper in Einklang kommt. Langeweile kommt dabei nicht auf. Spätestens, wenn Nele mit ihren Kollegen den Aufzug am Turm der Wiesenkirche betritt und sich in rund 50 Meter Höhe den Wind um die Nase wehen lässt, während sie an einem Steinsockel Maß nimmt, bekommt ihr Job doch im wahrsten Sinne des Wortes eine ganz neue Perspektive.
Rund 5.100 Steinmetzbetriebe gibt es in Deutschland – jährlich werden etwa 800 Ausbildungsplätze angeboten. Unter den Bewerbern finden sich auch immer mehr Frauen. "Es ist ein Klischee, dass man wahnsinnig stark sein muss für den Job. Es kommt eher auf Cleverness an. Wenn man’s im Kopf hat, kann man die Kraft sehr gut ersetzen", weiß Nele. Thomas Gißke arbeitet als Meister an Neles Seite und teilt ihre Freude an dem Traditionsgewerk. “Man muss zwar auch mal die Zähne zusammenbeißen, solche Tage gibt es natürlich. Aber der Job ist mehr als ein Beruf, es ist Teil meines Lebens”, findet er. Eine Lebensaufgabe ist die Arbeit in einer Dombauhütte sicherlich: Denn fertig wird man hier nie.
Das Beste zum Schluss
“Das Wissen, dass man etwas hinterlässt, das länger bleibt, als man selbst – und Teil von etwas Größerem zu sein. Teil einer Vergangenheit, der Zukunft und hier in der Gegenwart das Bindeglied zu sein. Dieses Wissen und die Begeisterung will ich weitergeben”, sagt Nele Dreizehner.
Azubi gesucht
13 Bauhütten gibt es derzeit in Deutschland – jede mit dem Auftrag, “ihre” Kirche zu erhalten, zu restaurieren und zu pflegen – nach alten Handwerkstechniken, aber auch mit modernen Methoden. Aktuell hat die Dombauhütte in Soest einen Ausbildungsplatz zu vergeben. Vielleicht genau das Richtige für Dich?
Auch im nächsten Magazin schauen wir uns 1 von 130 an! Gibt es einen handwerklichen Beruf, über den Du mehr erfahren möchtest?
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Handwerk in Zahlen
363.000 junge Menschen lernen in Deutschland gerade ein Handwerk. Jedes Jahr kommen rund 140.000 neue hinzu. Denn Handwerk hat viel zu bieten: gute Verdienstmöglichkeiten, Fachkräfte sind gefragt wie nie. Hammer und Hobel gehören auch heute noch in den Werkzeugkasten, doch längst werden in den Gewerken öfter Laptop und Laser gezückt, als der Zollstock.
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