Redakteurin
Ohne das Handwerk würde es KOLPING so nicht geben. Schließlich gründete Adolph Kolping – selbst gelernter Schuhmacher – vor 175 Jahren seinen katholischen Gesellenverein, um Handwerkern unter die Arme zu greifen. Grund genug, zu schauen: Wie wird Handwerk heute gelebt? Wie hat es sich verändert – und was ist seit Jahrhunderten gleich? Über Meister, Gesell*innen und Azubis.
“Beruflich wollte ich das eigentlich nie machen”, sagt Sandra Gronemeier und lacht. Dabei begleitet sie das Nähen schon fast ihr ganzes Leben: Seit ihrem vierten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Stoffen, Fäden und Nadeln, mit Häkeln, Stricken, Sticken – “das ganze Programm”. Mit 13 fertigt sie ihre Kleidung komplett selbst. Trotzdem sollte es zunächst in eine andere Richtung gehen: Lehrerin für Mathematik und Kunstgeschichte.
Ganz so weit entfernt ist das von ihrem heutigen Beruf nicht. “Man muss eine mathematische Begabung haben, wenn man in diesem Handwerk erfolgreich sein möchte”, sagt sie. Maßschneiderei verbindet Gefühl für Stoffe und Formen mit Logik, räumlichem Denken und präziser Berechnung. Dass in ihrem Atelier noch vieles von Hand entsteht, ist für Sandra Gronemeier kein nostalgischer Luxus, sondern Ausdruck handwerklicher Qualität. Handnähte sind weicher, bestimmte Säume wirken feiner, manche Verarbeitung ist von Hand schlicht die bessere. In dieser Arbeit liegt zugleich eine besondere Ruhe. Ihre Lehrmeisterin nannte einfache Handarbeiten “Schatzdenkenarbeit” – Arbeit, bei der man an seinen Schatz denken kann, weil die Hände wissen, was sie tun.
Nachhaltigkeit ist in ihrem Atelier Alltag: hochwertige Materialien, bewusster Einkauf, langlebige Kleidung und sorgfältige Änderungen. “Meine Kund*innen tragen ihre Sachen 20 Jahre und länger”, sagt sie. »Nachhaltiger geht es eigentlich gar nicht." Für Sandra Gronemeier ist Maßschneiderei immer auch Arbeit am Wohlbefinden. Denn ein schönes Kleid allein reicht nicht: “Schöne Kleider kann jeder nähen”, sagt sie. Entscheidend sei, dass sich die Kund*innen darin wohlfühlen. Das schönste Kompliment ist deshalb: “Ich habe mich wohlgefühlt.”
Der Beruf verlangt Geduld, Genauigkeit, Ausdauer und Neugier. Wer Maßschneider*in werden will, muss mit den Händen arbeiten wollen und bereit sein, zu üben. "Man muss schon von dieser Sache als solches fasziniert sein, sonst sollte man es lassen." Gleichzeitig sieht Gronemeier für die berufliche Weiterentwicklung im Handwerk viele Wege: Theater, Film, Kostüm, Brautmode, Modejournalismus, Ateliers oder die Selbstständigkeit. “Wenn man Sachen gerne macht, ist man gut. Und wenn man gut ist, dann findet sich immer ein Weg.”
Seit vielen Jahren engagiert sich Sandra Gronemeier ehrenamtlich im Handwerk: als frühere Obermeisterin, in Gremien und als Vizepräsidentin der Handwerkskammer. “Für mich ist es eine gesellschaftliche Verpflichtung, auch eine Frage von Verantwortung.” Sie will ihr Handwerk sichtbar machen, Qualität sichern und Strukturen mitgestalten. Auch der Zusammenhalt zählt für sie: sich helfen, Aufträge auffangen, Auszubildende unterstützen, Wissen weitergeben. Gerade weil Frauen im Handwerk oft anders wahrgenommen werden als Männer, sollen sie in Gremien sichtbar sein und mitentscheiden.
So wird aus einem Beruf, den Sandra Gronemeier “eigentlich nie” machen wollte, eine Lebensaufgabe. Maßschneiderei bedeutet für sie Arbeit zwischen Kopf, Hand und Herz. Und am Ende bleibt mehr als ein Kleidungsstück: ein Gefühl, das trägt.
363.000 junge Menschen lernen in Deutschland gerade ein Handwerk. Jedes Jahr kommen rund 140.000 neue hinzu. Denn Handwerk hat viel zu bieten: gute Verdienstmöglichkeiten, Fachkräfte sind gefragt wie nie. Hammer und Hobel gehören auch heute noch in den Werkzeugkasten, doch längst werden in den Gewerken öfter Laptop und Laser gezückt, als der Zollstock.
Auch im nächsten Magazin schauen wir uns 1 von 130 an! Gibt es einen handwerklichen Beruf, über den Du mehr erfahren möchtest?
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