60 Jahre Frauen bei KOLPING
V.l.n.r.: Bundesvorstandsmitglied Mariele Biesemann, die Fuldaer Diözesanvorsitzende Brigitte Kram und Bundesvorsitzende Klaudia Rudersdorf im Gespräch mit Moderatorin Yvonne Willicks beim Talk "Frauen bei KOLPING" während des Jubiläumsfestes 2025.
Mit der Aufnahme von Frauen als Vollmitglieder begann nicht nur ein neues Kapitel der Verbandsgeschichte, sondern ein Wandel, der bis heute anhält. Denn KOLPING war immer dann besonders stark, wenn der Verband gesellschaftliche Veränderungen aufgegriffen und daraus neue Antworten entwickelt hat. Genau darin liegt bis heute seine Zukunftsfähigkeit begründet.
1966: Nancy Sinatras Song “These boots are made for walkin’” wurde zur Hymne weiblicher Selbstbestimmung, der Minirock von Mary Quant eroberte die Straßen, durch und in den USA gründeten Aktivistinnen die National Organization for Women (NOW), eine bis heute einflussreiche Organisation für Frauenrechte. Es war eine Zeit, in der die Rufe nach rechtlicher Gleichstellung und Chancengleichheit in Familie, Wirtschaft und Gesellschaft immer lauter wurden. Auch KOLPING blieb davon nicht unberührt und öffnete sich für Frauen. Bis dahin hatten sie eher im Hintergrund mitgearbeitet und bei Veranstaltungen unterstützt. Mit der Aufnahme als Vollmitglieder änderte sich ihre Rolle grundlegend: Frauen wurden zu aktiven Mitgestalterinnen und prägten den Wandel vom Gesellenverein zu einer familienhaften, modernen Gemeinschaft entscheidend mit.
“KOLPING setzt sich für eine von gegenseitiger Wertschätzung, Chancengerechtigkeit und Gleichberechtigung geprägte, diskriminierungsfreie Gesellschaft und Kirche ein.”
Leitbild von KOLPING in Deutschland, Satz 92
Warum Frauen?
Die Entscheidung stieß nicht überall auf Zustimmung. Manche Mitglieder stellten die Frage: "Frauen
bei KOLPING – warum?" Es gab Überlegungen, Frauen auf örtlicher Ebene lediglich als “Förderer” mit geringerem Beitrag und ohne volles Mitspracherecht aufzunehmen. Andere befürchteten, die Männer könnten durch die Öffnung des Verbandes verdrängt werden. Doch der damalige Würzburger Diözesanpräses Max Rössler bezog klar Stellung: “Von unserer Tradition spricht wenig dafür, von der Gegenwart her spricht einiges dafür, auf Zukunft hin gesehen spricht alles dafür.” Ein Satz, der den Aufbruch dieser Zeit treffend auf den Punkt brachte.
Beginn eines umfassenden Wandels
Die Aufnahme von Frauen war weit mehr als eine formale Entscheidung. Sie markierte den Beginn eines tiefgreifenden Wandels. In einer Zeit gesellschaftlicher Veränderungen öffnete sich KOLPING schrittweise neuen Zielgruppen und Aufgaben. Man erkannte nicht nur die Notwendigkeit, Frauen gleichberechtigt einzubeziehen, sondern auch, dass sich die Lebenswirklichkeit der ursprünglichen Zielgruppe des Gesellenvereins grundlegend verändert hatte.
Anfang der 1970er-Jahre stellte sich der Verband deshalb programmatisch und organisatorisch neu auf. Gesellschaftspolitische Verantwortung wurde ausdrücklich als Aufgabe formuliert, internationale Strukturen ausgebaut und die weltweite Vernetzung intensiviert. KOLPING entwickelte sich zu einem modernen Sozialverband, der Familien, Jugendliche und Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen ansprach. Neue Kolpingsfamilien entstanden, ebenso Mutter-Kind-Häuser, Familienferienstätten und zahlreiche weitere soziale Einrichtungen.

“Die Veränderung der Rolle von Frauen wird für mich daran deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit wir Frauen in das Amt der Vorsitzenden für Kolping Deutschland gewählt haben.”
Sie war vor 10 Jahren schon dabei: Eva Ehard, langjährige Eichstätter Diözesanvorsitzende, sagte im Herbst 2016 im Kolpingmagazin, dass sie immer das Glück gehabt habe, bei Kolping auf ein Umfeld zu treffen, dass sie gefördert habe. Heute betont sie, dass es ihr eine große Freude sei zu erleben, wie sich die Rolle von Frauen verändert habe. Auch sie übt jetzt wieder ein Leitungsamt aus: Seit Juli 2026 ist Eva Ehard Co-Vorsitzende des Landesverbandes Bayern.
Von Mitgestalterinnen zu Führungspersönlichkeiten
Ohne die Aufnahme von Frauen wäre diese Entwicklung kaum denkbar gewesen. Schritt für Schritt gestalteten sie den Verband immer stärker mit. Einen sichtbaren Meilenstein markierte die Wahl der ersten Frauen in Leitungsämter auf Diözesan- und Bundesebene ab den späten 1980er-Jahren. Heute prägen Frauen KOLPING auf allen Ebenen. Sie leiten Einrichtungen und übernehmen als Bundesvorsitzende (Klaudia Rudersdorf), Bundessekretärin (Alexandra Horster) oder geistliche Leiterin (Maria Adams) Verantwortung im Verband. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Frauen stellen 43,3 Prozent der Mitglieder, in der Kolpingjugend sind sie mit 51,5 Prozent sogar leicht in der Mehrheit. 36,3 Prozent der ehrenamtlichen Führungspositionen sind weiblich besetzt, bei den Diözesanvorsitzenden liegt der Frauenanteil sogar bei 46,2 Prozent. Zum Vergleich: In den obersten Führungsebenen der deutschen Privatwirtschaft beträgt der Frauenanteil lediglich 29,1 Prozent.
Gleichberechtigung bleibt Auftrag von KOLPING
Doch Gleichberechtigung ist kein Zustand, der irgendwann erreicht und abgehakt werden kann. “Wir sind bei KOLPING auf einem guten Weg”, sagt Lisi Maier, Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung und engagierte Kolpingschwester. “Aber Gleichstellung muss immer wieder aktiv gestaltet und bewusst gelebt werden und ist deshalb ist nie einfach erledigt.” Entscheidend sei nicht allein, wie viele Frauen Führungsverantwortung übernehmen, sondern dass unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven Gehör finden. Gerade darin liege eine große Stärke von KOLPING.

Wenn du mehr zum Thema "Frauen bei KOLPING" wissen möchtest, dann höre rein, in unsere neue Folge des Podcasts “GESELLIG” mit Lisi Maier und Alexandra Horster, auf Spotify und allen gängigen Podcast-Plattformen.
Gleichzeitig bleibt Gleichberechtigung auch über den Verband hinaus eine gesellschaftliche Aufgabe. In Familie, Arbeitswelt, Politik und Kirche bestehen nach wie vor Benachteiligungen – etwa bei der Verteilung von Sorgearbeit, den Karrierechancen, der Entlohnung oder der Teilhabe an Leitungs- und Entscheidungsfunktionen. Umso wichtiger bleibt das Engagement für eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer ihre Talente und Verantwortung gleichermaßen einbringen können.
Die Zukunft gemeinsam gestalten
Die Geschichte der Frauen bei KOLPING ist deshalb noch nicht zu Ende geschrieben. Auch heute steht der Verband vor immer neuen gesellschaftlichen Herausforderungen von Altersarmut und prekären Arbeitsverhältnissen über Migration und Integration bis hin zu Fragen der Entwicklungszusammenarbeit und der Rolle von Frauen in Kirche und Gesellschaft. Frauen gestalten diese Aufgaben längst selbstverständlich mit, in Führungsverantwortung ebenso wie in sozialen Projekten, der Familienarbeit oder der internationalen Hilfe zur Selbsthilfe.
KOLPING bleibt dabei seinem Gründer treu: Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt, wo Menschen Unterstützung brauchen. Genau darin liegt bis heute der Auftrag des Verbandes: gesellschaftliche Veränderungen wahrzunehmen und darauf mit konkreter Solidarität, Gemeinschaft und praktischem Handeln zu antworten. Dass dieser Auftrag heute von Frauen und Männern gemeinsam getragen wird, ist vielleicht die wichtigste Veränderung der vergangenen 60 Jahre.

60 Jahre Frauen bei KOLPING: Welche Bedeutung hat dieses Jubiläum für den Verband? Lisi Maier, Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung und Kolpingschwester, blickt auf die Entwicklung der vergangenen sechs Jahrzehnte.
Feedback?
Du willst uns Feedback geben oder hast Anregungen?
Schreib uns gerne:






Kommentar verfassen
0 Kommentare
Keine Kommentare gefunden!