Redakteur
“Deutschland müsse wieder mehr arbeiten” – diese Forderung ist in den vergangenen Monaten immer häufiger zu hören. Ob Fachkräftemangel, Rentensystem oder wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit: Viele politische und wirtschaftliche Debatten laufen letztlich auf dieselbe Botschaft hinaus. Längere Arbeitszeiten, eine höhere Erwerbsbeteiligung und mehr Produktivität gelten dabei häufig als zentrale Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft. CDU-Chef und Kolpingbruder Friedrich Merz brachte diese Sichtweise mit einem viel diskutierten Satz auf den Punkt: “Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.”
Die Sorge dahinter ist nachvollziehbar. Schließlich müssen Renten finanziert, Pflege organisiert und öffentliche Infrastruktur erhalten werden. Als Redakteur des Kolpingmagazins begegne ich dieser Debatte immer wieder – in Gesprächen mit Mitgliedern und im Freundeskreis. Je häufiger ich sie verfolge, desto mehr frage ich mich: Sprechen wir eigentlich über dieselbe Form von Arbeit? In politischen Debatten ist die Antwort meist klar: Gemeint ist Erwerbsarbeit. Also die Stunden, die wir im Büro, auf der Baustelle oder im Homeoffice verbringen. Arbeit wird dabei vor allem als wirtschaftliche Leistung verstanden.
Doch reicht dieses Verständnis noch aus?
Die gesellschaftlichen Anforderungen haben sich dabei nicht verringert oder erhöht – sie haben sich verändert. Auch frühere Generationen mussten Kinder erziehen, Angehörige versorgen, den Familienalltag organisieren oder haben sich in Vereinen und Nachbarschaften engagiert. Viele dieser Aufgaben wurden selbstverständlich übernommen, häufig unter anderen Rahmenbedingungen als heute. Elternzeit, Elterngeld oder ein Angebot für Kinderbetreuung existierte vielerorts nicht. Gleichzeitig war das Rollenverständnis und die damit verbundene Arbeitsaufteilung eine andere. Ein Elternteil war überwiegend für die Erwerbsarbeit zuständig, der andere übernahm einen Großteil der Sorgearbeit.
Mit dem veränderten Rollenbild und auch mit vielfältigeren Lebensbedingungen haben sich auch die Wünsche und Anforderungen in der Gesellschaft heutzutage gewandelt. Viele Menschen wünschen sich eine partnerschaftlichere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit, sowie mehr Zeit für gesellschaftliches Engagement, Weiterbildung oder persönliche Entwicklung. Neu ist deshalb nicht, dass Sorgearbeit geleistet oder sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Neu ist vielmehr, dass diese Tätigkeiten größere Sichtbarkeit und gesellschaftlich Anerkennung erfahren, dass sie als Arbeit gesehen werden. Vielleicht hat sich also weniger die Arbeit selbst verändert als vielmehr unser Verständnis davon, was wir überhaupt als Arbeit begreifen.
Wenn in politischen Debatten mehr Arbeit gefordert wird, lohnt es sich deshalb, genauer hinzuschauen: Die Anforderungen an Familien, Paare und Alleinlebende unterscheiden sich ebenso wie ihre Möglichkeiten, Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und persönliche Lebensgestaltung miteinander zu vereinbaren.
Noch nie waren so viele Menschen erwerbstätig

Deutschland arbeitet heute nicht zwangsläufig weniger:
- Arbeit verteilt sich anders
- durchschnittliche Arbeitszeit sinkt
- mehr Erwerbstätige
- höheres Arbeitsvolumen
- mehr Teilzeit
Arbeit im Wandel
Auch die Erwerbsarbeit selbst befindet sich im Wandel. Auf den ersten Blick scheint in Deutschland heute weniger gearbeitet zu werden. Tatsächlich ist die durchschnittliche Arbeitszeit seit den 1990er Jahren gesunken – vor allem, weil Teilzeitbeschäftigung deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Gleichzeitig sind jedoch so viele Menschen erwerbstätig wie nie zuvor: Rund 46 Millionen Menschen gehen heute einer Erwerbsarbeit nach, Mitte der 1990er Jahre waren es noch knapp 38 Millionen.
Gerade die Teilzeitbeschäftigung verdeutlicht diesen Wandel – und zeigt zugleich, wie umstritten neue Arbeitsformen inzwischen sind. Während der Wirtschaftsflügel der CDU eine Einschränkung des gesetzlichen Rechts auf Teilzeit fordert, warnen Arbeitsmarktforschende davor, dass viele Menschen ohne diese Möglichkeit ihre Erwerbstätigkeit ganz aufgeben müssten. Für sie ist Teilzeitarbeit nicht Ausdruck fehlender Leistungsbereitschaft, sondern oft die einzige realistische Option, um Beruf, Familie oder Pflege miteinander zu vereinbaren. Die Zahlen unterstreichen diese Entwicklung: 2025 erreichte die Teilzeitquote mit 39,9 Prozent einen Höchststand, nachdem sie bereits 2024 bei 39,2 Prozent gelegen hatte. Im historischen Vergleich wird der Wandel besonders deutlich: 1991 arbeitete etwa jede dritte Frau in Teilzeit, 2024 bereits jede zweite. Bei Männern stieg der Anteil im selben Zeitraum von gut zwei auf knapp 14 Prozent. Gleichzeitig arbeiten Teilzeitbeschäftigte heute durchschnittlich mehr Stunden als noch vor einigen Jahren.
Teilzeit wird zur Normalität
Anteil der Teilzeitbeschäftigten an allen Erwerbstätigen

Die steigende Teilzeitquote bedeutet jedoch nicht, dass insgesamt weniger gearbeitet wird. Durch die deutlich gestiegene Zahl der Erwerbstätigen liegt das gesamte Arbeitsvolumen auf einem ähnlichen oder sogar höheren Niveau; berücksichtigt man zusätzlich die häufig unbezahlte Sorge- und Pflegearbeit, fällt der tatsächliche Arbeitsumfang der Gesellschaft noch größer aus.
Vielleicht müssen wir deshalb auch neu darüber nachdenken, was wir unter Vollzeit verstehen. Die klassische 40-Stunden-Woche entstand in einer Zeit, in der das Modell des männlichen Alleinverdieners gesellschaftliche Normalität war. Heute leben und arbeiten die meisten Menschen unter anderen Bedingungen, zu denen dieses Modell kaum noch passt.

Mehr Stunden, mehr Leistung?
Ein Blick in unsere Nachbarländer lohnt sich hierbei. Besonders wenn wir uns an die Forderung von Bundeskanzler Friedrich Merz erinnern, Deutschland müsse wieder mehr arbeiten. In Island, Großbritannien und Neuseeland wurden in den vergangenen Jahren Pilotprojekte mit verkürzten Arbeitszeiten durchgeführt. Viele der beteiligten Unternehmen berichteten von einer stabilen oder sogar verbesserten Produktivität, einer höheren Arbeitszufriedenheit sowie einer geringeren Belastung der Beschäftigten. Die zusätzliche Zeit wurde häufig für Familie oder gesellschaftliches Engagement genutzt.
Auffällig ist dabei ein Zusammenhang, der auch durch verschiedene Studien gestützt wird, aber in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt: Wenn Menschen mehr Zeit für andere Lebensbereiche haben – etwa für Sorgearbeit, Familie oder persönliche Erholung –, steigt nicht nur ihre Zufriedenheit, sondern häufig auch ihre Leistungsfähigkeit im Beruf. Untersuchungen, etwa vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), weisen darauf hin, dass geringere Arbeitszeiten mit höherer Arbeitszufriedenheit und geringerer Erschöpfung verbunden sind. Faktoren, die sich positiv auf die Arbeitsqualität auswirken können. Wer weniger erschöpft ist und sich als Teil eines funktionierenden sozialen Umfelds erlebt, arbeitet konzentrierter, motivierter und langfristig stabiler. In diesem Sinne kann eine andere Verteilung von Arbeitszeit dazu beitragen, dass Menschen insgesamt “mehr” leisten, nicht unbedingt in Stunden gemessen, sondern in Qualität, Verlässlichkeit und gesellschaftlichem Beitrag.

Natürlich lassen sich diese Ergebnisse nicht auf jede Branche übertragen. Gerade in Pflege, Handwerk oder anderen Präsenzberufen stoßen verkürzte Arbeitszeiten schnell an praktische Grenzen. Dennoch stellen die Erfahrungen eine verbreitete Annahme infrage: Dass mehr Arbeitsstunden automatisch zu mehr Leistung führen. Sie legen vielmehr nahe, dass nicht allein die Dauer der Erwerbsarbeit entscheidend ist, sondern auch, wie Arbeit organisiert wird und welchen Raum sie für andere gesellschaftlich notwendige Aufgaben lässt.

"Arbeit ist mehr als Broterwerb"
Für Adolph Kolping war Arbeit nie ausschließlich Mittel zum Broterwerb, sondern immer Teil eines größeren Ganzen – verbunden mit Familie, Bildung, Gemeinschaft und Verantwortung füreinander.
Ein Gedanke, der bis heute trägt
Auch Adolph Kolping hat sich mit dieser Frage intensiv beschäftigt. Für ihn war Arbeit nie ausschließlich Mittel zum Broterwerb, sondern immer Teil eines größeren Ganzen – verbunden mit Familie, Bildung, Gemeinschaft und Verantwortung füreinander. Dieser Gedanke wirkt heute, und auch mit Blick auf diese Thematik erstaunlich aktuell. Denn vielleicht führt uns die aktuelle Arbeitsdebatte zu einer grundsätzlicheren Frage: Nicht nur, wie viel wir arbeiten sollten, sondern welche Formen von Arbeit wir als Gesellschaft überhaupt wahrnehmen und wertschätzen.
Mit dieser Frage beginnt diese dreiteilige Reihe. Im nächsten Teil geht es um die Sorgearbeit – jene Arbeit, die täglich geleistet wird und doch häufig unsichtbar bleibt. Im dritten Teil richtet sich der Blick auf das Ehrenamt und die Frage, welche Bedeutung freiwilliges Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat.
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