Die Rentenkommission der Bundesregierung soll Ideen für die Alterssicherung über die 2030er-Jahre hinaus entwickeln. Wie nötig das ist, zeigt der deutliche Anstieg der Altersarmut in Deutschland. Das von Kolping entwickelte Modell einer garantierten Alterssicherung könnte einen Weg in die Zukunft weisen.
An Karneval kommt im Rheinland niemand vorbei. Darum näht Eva auch diese Session ein Kostüm für ihre Enkelin, diesmal geht es um Wikinger. Dass Eva den Stoff für das Kostüm selbst kaufen kann und nicht die Familie ihres Sohnes um das Geld bitten muss – auch das ist ein Grund, warum sie mit ihren 73 Jahren immer noch zwölf Stunden pro Woche arbeitet. Eva heißt eigentlich anders, aber sie möchte ihren echten Namen nicht in einer Zeitung lesen. Über Geld spricht man nicht; vor allem nicht, wenn es zu wenig ist. Evas Rente liegt rund vierzig Euro über dem Betrag, der ihr zustünde, wenn sie Bürgergeldempfängerin wäre. “Es reicht für Miete und Lebensmittel, Kleidung und ein paar Kleinigkeiten, aber Urlaub wäre schon nicht mehr drin”, berichtet Eva. “Ich habe mein Leben lang gearbeitet, habe immer bescheiden gelebt, aber ich möchte im Alter nicht jeden Cent zweimal umdrehen müssen. Da arbeite ich lieber weiter.”
Jede*r fünfte ist im Alter armutsgefährdet
In ihrem Geburtsland hat Eva Elektrotechnik studiert, kam in den Neunzigerjahren als Aussiedlerin nach Deutschland und arbeitete nach einer Umschulung zur Steuerfachangestellten bei einem Handwerksbetrieb in der Buchhaltung. Doch als die Firma Insolvenz anmelden musste, war Eva mit 57 Jahren plötzlich arbeitslos. Nach Monaten mit schlecht bezahlten Jobs für eine Leiharbeitsfirma fand sie eine neue Anstellung bei einem Sozialverband, wo sie sich um Personalabrechnungen kümmerte. Vor acht Jahren ging sie in Rente, führte aber ihre Arbeit nahtlos in Teilzeit weiter.

Damit ist Eva in guter Gesellschaft: Mehr als 1,3 Millionen Rentner*innen sind in Deutschland erwerbstätig, die meisten auf Minijob-Basis. Neben dem Wunsch, weiterhin eine sinnvolle Aufgabe und Kontakt zu anderen Menschen zu haben, spielen finanzielle Erwägungen dabei eine große Rolle. Die durchschnittlich zuletzt 1.431 Euro Rente für Männer beziehungsweise lediglich 930 Euro für Frauen reichen eben oft nur für das Nötigste oder nicht einmal das. Aktuell sind rund 750.000 Menschen im Alter auf Grundsicherung angewiesen, das sind 30 Prozent mehr als noch 2021, überproportional viele Frauen. Sie haben häufiger als Männer im Niedriglohnsektor gearbeitet und die unbezahlte Familienarbeit geleistet; auch die Anrechnung von Kindererziehungszeiten kann diese Lücke nicht schließen. Insgesamt gelten in Deutschland 19,6 Prozent der Menschen im Alter als armutsgefährdet, also fast jede fünfte Person. Unter den Bedürftigen, die sich Lebensmittel bei einer der über 970 Tafeln im Land holen müssen, ist ein Viertel 64 Jahre oder älter. Für die Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese ist darum die Sicherung des Lebensstandards für Menschen mit niedrigen Einkommen ein zentraler Maßstab künftiger Reformen. Die SPD-Politikerin, die auch Parlamentarische Staatssekretärin im Arbeits- und Sozialministerium ist, will deshalb “unser stabiles Rentensystem verlässlich, nachhaltig und dauerhaft tragfähig für alle Generationen” weiterentwickeln.
"Die Politik muss sich Gedanken machen"
Lag das Rentenniveau in Deutschland noch 1990 bei 55 Prozent des Durchschnittseinkommens, beträgt es aktuell 48 Prozent – festgeschrieben durch eine “Haltelinie”, die eigentlich bis 2025 befristet war. Nun hat der Bundestag sie kurz vor Weihnachten bis zum Jahr 2031 verlängert. Das jedoch bedeutet angesichts höherer Lebenserwartung und weniger nachwachsender Menschen erhebliche Mehrkosten für das Rentensystem. “In den Sechzigern haben sechs Beitragszahler eine Rente finanziert, heute müssen das zwei stemmen und in absehbarer Zeit eher 1,5”, rechnet der CDU-Abgeordnete Johannes Winkel vor. Als Chef der Jungen Union gehörte er zu denjenigen seiner Fraktion, die das Rentenpaket im Dezember im Bundestag nicht mittragen konnten. Im Interview mit dem Kolpingmagazin mahnt er: “Das geht auf Dauer nicht gut, darum muss die Politik sich Gedanken machen.” Das fordern auch die katholischen Jugendverbände.
“Es ist gut, dass die Regierung plant, in die Rente zu investieren, es fehlt aber das Konzept dahinter, wie dies nicht zu Lasten der kommenden Generationen geschieht”, sagt Lena Bloemacher, Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Lena Kaper von der Kolpingjugend stellt klar: “Wir sehen absolut das Recht auf Teilhabe für ältere Menschen. Aber ohne gute Bildungsgrundlage finden junge Menschen nur schwer eine sozial abgesicherte Erwerbstätigkeit. Dadurch wird das Problem perspektivisch weiter verschärft. Vor allem, wenn die Politik weiterhin die herrschende Kinderarmut ignoriert.”
Kolpings Rentenmodell als Antwort?
Das ist der Politik auch klar geworden. Über die nun eingesetzte Rentenkommission der Bundesregierung sagt Kerstin Griese deshalb: “Ich denke, dass die Kommission auch weitere Positionen, zum Beispiel der Sozialverbände, einbeziehen wird.” Eine davon könnte das Rentenmodell sein, das Kolping Deutschland schon im Jahr 2020 entwickelt hat.
Als Basis sieht das Rentenmodell von Kolping eine garantierte Alterssicherung vor, auf der die im Arbeitsleben erworbenen Rentenansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung aufbauen. Diese könnten durch eine kapitalmarktgedeckte Komponente ergänzt werden, wie dies in den
skandinavischen Ländern seit vielen Jahren praktiziert wird. Als “Sahnehäubchen” in der Altersversorgung sieht das Modell eine verpflichtende betriebliche Altersversorgung vor.
Kolping macht sich für die Einführung einer garantierten Alterssicherung stark, die aus Steuermitteln
finanziert wird. Der Mehraufwand für den Bundeshaushalt müsste zwar einerseits durch eine Erhöhung der Steuern erbracht werden – zugleich würde dann aber eine Senkung der Rentenbeiträge sowohl Firmen wie Arbeitnehmer*innen spürbar entlasten. Zu diesem garantierten Alterseinkommen von knapp 1.000 Euro netto im Monat für Alleinstehende und 1.650 Euro für Paare kämen die erworbenen Rentenansprüche noch hinzu. Der aktuelle Rentenwert, der zur Berechnung einer monatlichen Rente zugrunde gelegt wird, würde nach diesen Berechnungen halbiert – und dennoch würden die öffentlichen Altersbezüge von Rentner*innen, die zuvor niedrige Einkommen verdient haben, deutlich steigen und damit die Gefahr von Altersarmut erheblich gesenkt werden. Auch für die Bezieher*innen mittlerer Einkommen würde sich trotz einer Reduzierung des aktuellen Rentenwerts eine finanzielle Besserstellung im Alter ergeben. »Die politisch Handelnden sprechen häufig von Respekt vor Lebensleistung und von einem würdevollen Leben im Alter«, konstatiert die Kolping-Bundesvorsitzende Klaudia Rudersdorf. “Faktisch wird unser Rentensystem diesem Anspruch in zu vielen Fällen nicht gerecht, gerade auch mit Blick auf jahrelange Teilzeitarbeit von Frauen.” Das kann auch Klaus Arens bestätigen, der sich seit 1992 als ehrenamtlicher Versichertenberater in Mülheim an der Ruhr engagiert. “Viele Frauen merken bei der Antragstellung, dass die gesetzliche Rente hinten und vorne nicht reicht.”

Fragen und Anregungen zum Thema Rente gerne an Alexander Suchomsky, Fachreferent für Arbeit, Gesellschaft und Soziales, alexander.suchomsky@kolping.de.
Armutsfest und generationengerecht
Eigentlich sollte die 2021 eingeführte Grundrente hier einen Ausgleich schaffen. "Aber das Konstrukt
ist für viele Versicherte zu kompliziert und aufgrund der Einkommensprüfung schlussendlich auch nicht hilfreich", sagt Klaus Arens. “Gerade hier wäre die Idee der garantierten Alterssicherung eine viel bessere Antwort.” Für die Bundesvorsitzende Klaudia Rudersdorf geht es besonders auch darum, die Leistungsfähigkeit der heute jungen Menschen im Blick zu behalten. "Als generationenübergreifender
Sozialverband streiten wir seit jeher für einen Ausgleich zwischen den Generationen", sagt die Bundesvorsitzende. “Von Bundesregierung und Bundestag erwarten wir ebenfalls die Bereitschaft, das Rentensystem sowohl armutsfest, als auch generationengerecht zu gestalten. Nur so kann das Vertrauen in das System der öffentlichen Alterssicherung nach Jahrzehnten des Misstrauens wieder gestärkt werden.” Ob die Politik sich in diese Richtung wird bewegen können, dürfte sich Mitte des Jahres zeigen. Zum 30. Juni soll die Rentenkommission ihre Empfehlungen vorlegen.

Was Abgeordnete der Koalition von der Rentenkommission erwarten: Das Kolpingmagazin befragte zwei Abgeordneten über ihre Erwartungen an die Rentenkommission und über das Rentenmodell von Kolping. Zum Interview “Mit offenem Visier an die Sache herangehen”
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