"Frauen haben KOLPING neue Perspektiven eröffnet"

Seit 60 Jahren sind Frauen Vollmitglieder bei KOLPING. Für Lisi Maier ist dieses Jubiläum weit mehr als ein Blick zurück.

Im Gespräch erklärt die Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung und engagierte Kolpingschwester, wie Frauen den Verband verändert haben, warum Vielfalt eine Gemeinschaft stärkt und welche Impulse KOLPING heute für Kirche und Gesellschaft geben kann.

Lisi, Frauen sind seit 60 Jahren Vollmitglieder im Kolpingwerk. Was bedeutet dieses Jubiläum für Dich persönlich?

Lisi Maier: Wenn man sieht, wie selbstverständlich Frauen den Verband heute gestalten, wirkt das fast erstaunlich. Frauen prägen KOLPING inzwischen auf allen Ebenen – von den Kolpingsfamilien bis zur Bundesebene. Das zeigt, wie sehr sich der Verband verändert hat.

Wenn ich zurückdenke, war KOLPING für mich persönlich schon immer ein Ort gelebter Gleichberechtigung. Als Zehnjährige wollte ich in meinem Heimatdorf Ministrantin werden. Das war damals nicht möglich, weil nur Jungen ministrieren durften. Bei KOLPING habe ich dagegen erlebt, dass Mädchen und Jungen gleichermaßen willkommen sind und Verantwortung übernehmen können. Schon damals waren die Leitungsgremien der Kolpingjugend paritätisch besetzt.

Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. Ich habe bei KOLPING ein Gesellschafts- und Kirchenbild kennengelernt, das auf Teilhabe und Mitgestaltung setzt. Deshalb empfinde ich dieses Jubiläum nicht nur als Blick zurück, sondern auch als Bestätigung dafür, welchen Weg der Verband in den vergangenen 60 Jahren gegangen ist.

Die Öffnung des Verbandes fiel mitten in eine Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen. Welche Entwicklungen haben diese Entscheidung möglich gemacht?

Lisi Maier: Die 1960er-Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs. Gesellschaftlich wurden traditionelle Rollenbilder hinterfragt, Frauen forderten mehr Teilhabe und Gleichberechtigung. Gleichzeitig hat auch das Zweite Vatikanische Konzil die Rolle der Laien gestärkt und damit neue Impulse für die Kirche gesetzt. Vor diesem Hintergrund war es folgerichtig, dass auch KOLPING über die eigene Zukunft nachgedacht hat. Dabei ging es nicht nur darum, Frauen aufzunehmen, sondern um die Frage, wie ein Verband relevant bleibt und auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert. KOLPING hat erkannt, dass sich die Lebenswirklichkeit verändert und den Mut gehabt, diesen Schritt zu gehen. Rückblickend war das eine richtungsweisende Entscheidung, weil sie den Verband nachhaltig geöffnet hat.

War KOLPING damals seiner Zeit voraus – oder ist der Verband den gesellschaftlichen Entwicklungen eher gefolgt?

Lisi Maier: Ich würde weder das eine noch das andere sagen. KOLPING war Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, hat diese aber bewusst aufgegriffen und für den eigenen Verband gestaltet. Gerade das macht den Schritt so bemerkenswert. Damals war die Öffnung keineswegs selbstverständlich – schon gar nicht in einem katholischen Verband. Gleichzeitig wäre es zu einfach, KOLPING als einsamen Vorreiter zu beschreiben. Vielmehr hat der Verband erkannt, dass sich Gesellschaft und Kirche verändern, und daraus die richtigen Konsequenzen gezogen.

Entscheidend ist für mich etwas anderes: Mit der Aufnahme der Frauen hat KOLPING nicht nur seine Mitgliedschaft erweitert, sondern auch sein Selbstverständnis verändert. Frauen haben neue Themen, andere Erfahrungen und zusätzliche Perspektiven eingebracht. Dadurch ist der Verband vielfältiger geworden und hat sich weiterentwickelt.

Wenn Du auf die vergangenen 60 Jahre blickst: Was haben die Frauen eigentlich mit KOLPING gemacht?

Lisi Maier: Ich glaube, Frauen haben den Verband in vielerlei Hinsicht erweitert. Natürlich geht es dabei nicht darum, dass Männer bestimmte Themen nicht hätten aufgreifen können. Aber Frauen bringen andere Erfahrungen und damit oft auch einen anderen Blick auf gesellschaftliche Fragen mit. Dadurch sind Themen stärker in den Mittelpunkt gerückt, die zuvor weniger sichtbar waren, etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, unterschiedliche Familienformen oder die Lebenswirklichkeit Alleinerziehender. Frauen haben den Blick dafür geschärft, wie vielfältig gesellschaftliche Realität ist. Das hat Kolping gutgetan.

Für mich zeigt sich daran etwas Grundsätzliches: Organisationen werden besser, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Forschungsergebnisse zur freien Wirtschaft zeigen: Vielfältigere Führungsgremien bedeuten nachhaltigere wirtschaftliche Erfolge und eine bessere Kundenbindung. Vielfalt bedeutet nicht, dass Frauen immer anders denken als Männer. Aber unterschiedliche Lebenswege führen zu unterschiedlichen Erfahrungen – und genau diese Vielfalt macht auch einen Verband stärker und zukunftsfähiger.

Hat sich dadurch auch die Kultur des Verbandes verändert?

Lisi Maier: Davon bin ich überzeugt. Frauen haben nicht nur neue Themen eingebracht, sondern auch die Art verändert, wie diskutiert und zusammengearbeitet wird. Ich erlebe KOLPING heute als einen Verband, der sehr unterschiedliche Lebensentwürfe wahrnimmt und ernst nimmt. Das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Familien in ganz unterschiedlichen Konstellationen oder Menschen mit verschiedenen beruflichen und persönlichen Hintergründen. Was ich daran besonders schätze: KOLPING hat sich verändert, ohne seine Wurzeln aufzugeben. Der Verband orientiert sich weiterhin an den Ideen Adolph Kolpings, beantwortet aber die sozialen Fragen unserer Zeit immer wieder neu.

Heute sind Frauen auf allen Ebenen des Verbandes vertreten. Ist Gleichstellung bei KOLPING damit erreicht?

Lisi Maier: Ich würde sagen: Wir sind ein gutes Stück vorangekommen, aber fertig sind wir nicht. Gleichstellung ist nicht mal eben erreicht und kann anschließend abgehakt werden. Die aktuellen weltweiten gleichstellungspolitischen Rückschritte zeigen leider: Gleichstellung muss immer wieder hart erarbeitet, aktiv gestaltet und bewusst gelebt werden. Das gilt übrigens nicht nur für Kolping, sondern für jede Organisation. Dafür braucht es Strukturen und Regelungen die dafür Sorge tragen, dass der Frauenanteil in Führungspositionen nicht einmalig, sondern dauerhaft hoch – mindestens paritätisch – bleibt. Und es braucht Menschen, die aufmerksam bleiben und darauf achten, dass unterschiedliche Perspektiven Gehör finden. Gerade darin sehe ich eine Stärke von KOLPING. Der Verband ist immer wieder bereit, sich weiterzuentwickeln und gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen. 

Welche Rolle kann KOLPING heute in der Diskussion um die Rolle von Frauen in der katholischen Kirche spielen?

Lisi Maier: KOLPING kann zeigen, dass Beteiligung und Gleichberechtigung innerhalb eines katholischen Verbandes konkret gelebt werden können. Frauen haben im Verband in den vergangenen Jahrzehnten auf allen Ebenen und in unterschiedlichen Funktionen Verantwortung übernommen. Die positiven Erfahrungen, die der Verband gemacht hat, sind eine Stärke, die auch in die Kirche hineinwirken kann. KOLPING hat vor 60 Jahren erkannt, dass der Verband ohne Frauen keine Zukunft hat, dasselbe gilt für die katholische Kirche – ohne Frauen hat sie keine Zukunft. 

Du engagierst Dich beruflich für Gleichstellung und bist gleichzeitig seit vielen Jahren Kolpingschwester. Was bedeutet Dir Kolping persönlich?

Lisi Maier: KOLPING hat mich geprägt und ich habe dem Verband unglaublich viel zu verdanken. Hier habe ich schon als junge Frau erlebt, dass Mitgestaltung möglich ist und dass Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht Verantwortung übernehmen können. KOLPING hat mir die Möglichkeit eröffnet, durch mein gesellschaftspolitisches Engagement Selbstwirksamkeit zu erleben und in europäischen und internationalen Begegnungen den gemeinsam gelebten Glauben als verbindendes Element zu spüren. Viele Werte, die mich bis heute leiten, habe ich dort kennengelernt und verinnerlicht. Deshalb empfinde ich eine große Verbundenheit mit dem Verband – und gleichzeitig die Verantwortung, ihn gemeinsam mit anderen weiterzuentwickeln

Wenn Du einen Wunsch für Kolping in den nächsten 60 Jahren frei hättest – welcher wäre das?

Lisi Maier: Ich wünsche mir, dass Kolping auch künftig offen bleibt für die Fragen und Herausforderungen seiner Zeit. Kolping schafft es als Verband und als Träger von Jugendhilfe-, Familien- und Sozialeinrichtungen Menschen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen wertzuschätzen, zusammenzubringen und die Vielfalt der Menschen – ihre Lebensentwürfe, Herkünfte, Geschlechter – als Stärke zu begreifen. Wenn ihm das weiter gelingt, dann entsteht daraus Zukunftsfähigkeit für den Verband und für unsere Demokratie – und genau das entspricht dem Geist Adolph Kolpings.

Heute führen Frauen Kolpingsfamilien, gestalten die Verbandspolitik und übernehmen Verantwortung bis in die Spitze des Bundesverbandes. Dass das vor 60 Jahren noch undenkbar war, gerät leicht in Vergessenheit.

Zum Artikel “60 Jahre Frauen bei KOLPING”

Das Interview führte Eva Leßmann.

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