Text und Foto
Handeln aus Verbundenheit
Kolpingbrüder Rolf und Ansgar beim Streichen der Fassade
Die NINA Warn App auf meinem Handy schickt mir heute, am neunten Tag in Folge, eine Warnung vor extremer Hitze. Es soll der heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland werden: über 40 Grad an einem Tag im Juni.
Ich sitze im Zug nach Dernau, entlang der Ahr, einem scheinbar harmlosen Rinnsal, kaum mehr als ein Bach. Immerhin zeigt die Deutsche Bahn hier, was sie kann: Der Zug ist pünktlich, und die Klimaanlage funktioniert. Vor fünf Jahren war diese Strecke vollständig zerstört. Damals nahm die Flut den Menschen entlang der Ahr nicht nur Häuser, Straßen und Gleise, sondern auch die Illusion von Sicherheit. Der Zusammenhang der beiden Extremwetterereignisse mit dem Klimawandel drängt sich mir geradezu auf.
Damals, einen Monat nach der Flut, kam ich über die Straße nach Dernau, um über die Folgen zu berichten. Neugierig schaue ich aus dem Fenster: Noch immer sind Spuren der Verwüstung sichtbar. Schutthaufen, Bauzäune und Ruinen wechseln sich ab mit neuen Gebäuden und liebevoll sanierten Altbauten. Auch Touristen kehren zurück, wie ich einer Gruppe Senioren entnehme, deren norddeutscher Akzent unverkennbar ist.


Immer noch Baulärm
Am Bahnhof Dernau werde ich von Martina Wagner erwartet, der Bildungsreferentin des Diözesanverbandes Trier. Mit einem Hut vor der brennenden Mittagssonne geschützt, winkt sie mir zu. Nach der Flut organisierte sie im Hintergrund Hilfen und verteilte Gelder. Gemeinsam laufen wir durch Dernau und schauen uns um. In den Händen das Kolpingmagazin von damals, vergleichen wir die Bilder mit dem, was wir heute sehen. Wie vor fünf Jahren ist auch heute noch Baulärm zu hören. An einer provisorischen Bushaltestelle warten zwei Mütter auf den Bus, der ihre Kinder aus der Grundschule im Nachbarort zurück nach Dernau bringt. Die beiden betonen ihre Dankbarkeit für diese Lösung. Gegenüber der Haltestelle wird die Schule grade neu gebaut.
Aus Fehlern lernen
Viele Neubauten im Ort haben im Erdgeschoss nur Garagen. “Das war eine Auflage für die neuen Häuser: Unten dürfen nur Versorgungsräume sein”, erklärt Benno Kastenholz, geistlicher Leiter der
Kolpingsfamilie Dernau, der mittlerweile zu uns gestoßen ist. Während ich dazu neige, die Spuren der Zerstörung zu dokumentieren, macht mich Benno auf die vielen kleinen und großen Dinge aufmerksam, die bereits wieder aufgebaut sind: Der Dorfplatz oder die wieder eröffnete Bäckerei mit eigener Produktion. Auf meine Frage zu den vielen Straßenbaustellen erklärt er: "Hier werden neue Leitungen verlegt für das Nahwärmenetz. Mit der zeitgemäßen Wärmeversorgung wollen wir wegkommen von den problematischen Ölheizungen." Denn das Öl der zerstörten Heizungen hatte Böden und Häuser verseucht. Jetzt entsteht zwischen Dernau und Rech ein Pellet-Heizwerk, das die Orte mit Wärme versorgen soll.
Verschwitzt erreichen wir durch ein kleines Tor den malerischen Kirchplatz. Das Pfarrgemeindezentrum aus Bruchsteinen und Fachwerkhäusern säumt den Platz gegenüber der Kirche. Eines dieser Häuser ist das “Kolpingkellerchen”, ein ehemaliger Stall. An seiner Fassade hängt ein großes Plakat mit den Namen der knapp 30 Kolpingsfamilien, die geholfen haben, den Ort tatkräftig oder durch Spenden nicht nur wieder aufzubauen, sondern in einen einladenden Raum zu verwandeln.

Wege zum Erfolg
"Gute Ideen, starke Projekte und echte Gemeinschaft machen KOLPING fit für die Zukunft. Lass Dich inspirieren und frag’ nach!"
Menschen aus den Kolpingsfamilien entlang der Ahr sind motiviert
Benno hat uns kalte Getränke versprochen. Erleichtert atmen wir auf, als wir die Stufen in das kühle Kolpingkellerchen hinuntergehen. Nach und nach treffen weitere Kolpinggeschwister ein.
Da ist Edgar Bertram, der zur Zeit der Flut Vorsitzender der Kolpingsfamilie war und vor drei Jahren den Vorsitz an Mandy Gieler-Großgarten abgab, die ehemalige deutsche Weinkönigin. Dass die 39-jährige Professorin für nachhaltige Materialwissenschaften an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Mutter von zwei kleinen Kindern sich heute Zeit genommen hat, verblüfft mich. Und noch mehr, als sie sagt: “Wir haben zu Hause immer noch mit den Flutfolgen zu kämpfen. Ich bin erschöpft.” Doch sie möchte etwas zurückgeben. “Wir haben so viel Gutes erfahren”, sagt sie. Den Vorsitz konnte sie übernehmen, weil die Arbeit nun auf vielen Schultern verteilt sei.
Auch Elke Grün ist dabei, geistliche Leiterin im Diözesanverband Trier. Ebenso Irmgard Möhren, die Kassiererin im Leitungsteam der Kolpingsfamilie Ahrweiler, und Winfried Kraatz, der erst 2022 Mitglied wurde und jetzt Vorsitzender der Kolpingsfamilie Sinzig ist. “Ich fand Kolping immer schon toll und hatte das Gefühl hier etwas bewegen zu können", erklärt der ehemalige Feuerwehrmann sein Engagement. Bis auf Martin Müller aus Altenahr, der verhindert ist, sind wir komplett. Aus fast allen von der Flut betroffenen Kolpingsfamilien ist jemand gekommen.
Edgar und der Bischof – Wie ein Gebäude gerettet wurde
Dass der Raum, in dem wir sitzen, überhaupt noch existiert, ist Edgar zu verdanken und den vielen Spenden von Kolpingsfamilien aus der ganzen Republik – und aus Burundi, wie ich erstaunt höre. Aber dazu später. Wäre es nach dem Willen des Trierer Bischofs Stephan Ackermann gegangen, wäre das durch die Flut schwer beschädigte Gebäude Parkplätzen gewichen, ereifert sich Edgar und erzählt mit spitzbübischem Vergnügen und in breitem Ahrtal-Dialekt die Geschichte von seinem Coup: “Als aus Trier kam: da hilft nur noch abreißen, habe ich dem Bischof sofort einen Brief geschrieben.” Man könne ein 300 Jahre altes Gebäude nicht einfach abreißen, zumal es seit 50 Jahren in der Nutzung von Kolping sei. “Zwei Wochen später saß der plötzlich bei mir in der Küche, der Ackermann”, erinnert sich Edgar. Der Bischof drückte beide Augen zu und gemeinsam wurden Vereinbarungen getroffen, die die weitere langjährige Nutzung durch Kolping sicherten.
Steckbrief
Die Kolpingsfamilie Dernau im Diözesanverband Trier wurde 1965 wieder begründet und hat heute rund 200 Mitgliedern, davon gehören etwa 20 der Kolpingjugend an. Die Aktivitäten sind auf die verschiedenen Interessens- und Altersgruppen ausgerichtet: Wallfahrten, Sommerfest, Winterwanderung oder Teilnahme am Winzerfestumzug sind fest eingeplante Angebote für alle Mitglieder. Von der Flutkatastrophe im Ahrtal waren etwa 90 Haushalte unserer Mitglieder betroffen.
Kontakt:
Dr. Mandy Gieler-Großgarten
Im Burggarten 23
53507 Dernau
kolpingsfamiliedernau@gmail.com
Edgar deutet auf das fünf Jahre alte Magazin: “Uns wurde auch wegen des Artikels da so viel gespendet. Danach hat das Telefon nonstop geklingelt.” Als Vorsitzender sei das damals ein Vollzeitjob gewesen.
“Wir wollten nicht, dass das Geld im Gießkannenprinzip versickert”, sagt Benno. Viele Spendengelder waren zudem an die Vorgabe gebunden, etwas Langfristiges zu finanzieren. Aus dem Wunsch heraus, etwas für die Gemeinschaft zu tun, das Bestand hat, entschied sich die Kolpingsfamilie für die Renovierung und den Ausbau des schwer beschädigten Häuschens. “Das hat uns drei Jahre gefordert – auch körperlich”, sagt Benno und spricht von tausenden Arbeitsstunden und 140.000 bis 150.000 Euro, die mittlerweile in das kleine Gebäude geflossen sind. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Es ist ein Treffpunkt für die vielseitigen Aktivitäten der Kolpingsfamilie entstanden: die Krabbelgruppe, der Seniorentreff oder die Kreativgruppe der Kolpingschwestern. Ein Ort der Gemeinschaft eben. Noch etwas anderes wächst seit der Renovierungsphase: die Kolpingsfamilie selbst. “Jedes Jahr kommen etwa 20 Leute dazu”, sagt Mandy. Vielleicht sei es der gute Umgang miteinander. “Hier herrscht schon eine besondere Stimmung”, erklärt sie. Edgar glaubt, dass auch die sichtbare gemeinsame Arbeit am Erhalt des ortsprägenden Gebäudes dazu beigetragen hat. Und Elke betont die christliche Motivation: “Mich hat berührt, dass wir knapp 2.000 Euro Spendengeld aus Burundi erhalten haben, von Kolpinggeschwistern aus einem der ärmsten Länder der Welt. Da haben die Menschen gesehen, was für ein Zusammenhalt und welche Werte in der Kolpinggemeinschaft gelebt werden.”
Im Spannungsfeld zwischen Wut und Zuversicht
Als wir auf die Folgen der Flut und die Hilfe zu sprechen kommen, schlägt die Stimmung um. Neben der Freude über die Menschlichkeit und die Erfahrung von Zusammenhalt, breitet sich Wut und Fassungslosigkeit aus. Für viele hat die Flut auch Vertrauen zerstört. Elke spricht aus, was viele denken: “Ich finde es unerträglich, dass manche Menschen immer noch nicht wissen, ob sie in ihr Haus zurückkönnen. Das macht mich so wütend! Die Politik und die Verwaltung müssen sich endlich an die eigene Nase fassen.” Und Irmgard ist auch fünf Jahre nach der Katastrophe fassungslos: “Bei den Wassermassen in Schuld hätte doch klar sein müssen, was auf die Menschen weiter unten an der Ahr zukommt. Warum hat niemand rechtzeitig gewarnt?”
Dennoch betont Benno immer wieder: “Man kann nicht sagen, dass hier von offizieller Seite nicht geholfen wurde. Das stimmt nicht.” Es sei halt ein Spannungsfeld. Mal lief es total gut, mal total schlecht. Doch eines ist für alle klar. Mandy fasst es in Worte: “Für mich hat sich der Glaube an die Menschlichkeit verändert. Wenn du in Not bist, kannst du dich auf Menschen verlassen. Das bleibt.”


Der Zusammenhalt nach der Flut
Da ist einerseits die Hilfe von außen: die vielen helfenden Hände, die vielen Spenden. Aber da ist auch die Hilfe untereinander, die mich besonders beeindruckt. Edgar erzählt, wie er und Benno kurz vor Weihnachten 2021 90 betroffenen Familien jeweils 500 Euro als Direkthilfe vorbeibrachten: “An vielen Abenden schafften wir nur drei Familien, weil wir stundenlang blieben. Die Gespräche waren wichtiger als das Geld.” Und auch Irmgard aus Ahrweiler erzählt von ihren Erfahrungen: “Nach der Flut war die Kolpingsfamilie der Ort, wo man wieder Halt finden konnte. Es gab Vorträge und Veranstaltungen. Aber danach – da sind die Menschen geblieben und haben geredet. Das war das Wichtigste.”

zusammengefunden.
Da ist auch die Freude am Leben
Bevor sich die Runde auflöst, öffnet Mandy eine Flasche Wein. Fachkundig wird daran gerochen, der erste Schluck folgt. Die Schwere, die eben noch in der Luft lag, ist wie weggeblasen. Ich beobachte, wie die Lebensfreude in diesen Menschen aufblitzt und freue mich zu sehen, was diese Menschen trägt. Die Flut, die Wut und die Erschöpfung sind nicht wegzuwischen. Doch Gemeinschaft, Solidarität und die Freude am Leben stehen dem entgegen. Vielleicht hilft auch ein Schluck guter Wein. Mandys Vorschlag, die Treffen mit Vertreter*innen der Kolpingsfamilien der Ahr im Kolpingkellerchen zur Tradition werden zu lassen, stößt auf einhellige Zustimmung.
Gemeinsam helfen, gemeinsam feiern
Um diesen Zusammenhalt von innen und die viele Hilfe von außen gebührend zu feiern, findet am 30. August 2026 ab 11 Uhr in Dernau der Diözesantag an der Ahr statt. Unter dem Motto “Gemeinsam helfen – gemeinsam feiern” wird es ein großes Fest mit vielen Angeboten für groß und klein geben. Bischof Stephan Ackermann hat zugesagt, den Gottesdienst um 18 Uhr zu halten. 300 bis 500 Gäste werden erwartet.
Martina fährt mich zum Bahnhof in Remagen. Unterwegs halten wir in Ahrweiler, um uns auch hier ein Bild vom Wiederaufbau zu machen. Vereinzelt stehen noch Gebäude leer, doch in der Einkaufsstraße sind die Schaufenster gut gefüllt, als wäre es nie anders gewesen. Für die Rückfahrt mit dem Zug brauche ich dreimal so lange wie für die Hinfahrt. Nicht wegen einer zerstörten Bahnstrecke, sondern weil die Schienen bei über 40 Grad zu heiß für den Zugverkehr geworden sind.

Was sind Eure Tipps für eine starke Gruppe?
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Schreib uns an mitmachen@kolping.de – dann kommen wir vielleicht nächstes Mal zu Euch!
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