Ideen ohne Ende!

Die Kolpingsfamilie Rheine-Zentral blickt auf eine lange Tradition zurück: 2018 feierte sie ihr 150-jähriges Jubiläum. Junge Erwachsene bringen Schwung.

Foto der Fotografin Barbara Bechtloff mit Kamera in der Hand

Text und Foto

Barbara Bechtloff

Heute ist es ziemlich belebt auf der großen Wiese vor dem Hünenborg-Denkmal beim Drachenfest in Rheine. Im spätsommerlichen Sonnenschein schlendern viele Familien von Stand zu Stand. Vereine, die Feuerwehr, Schulen und Kindergärten haben zahlreiche Mitmachangebote aufgebaut. Während der Duft von Reibekuchen durch die Luft zieht, kann man am Himmel die bunten Drachen beobachten, die kreisen. Ab und zu ertönt das fröhliche Jauchzen eines Kindes, das sich über das Stimmengewirr hinwegsetzt. Es kommt von der Kistenrutsche, die die Kolpingsfamilie Rheine-Zentral hier aufgebaut hat. Svenja und Jens Krage setzen die Kinder, die in einer langen Schlange warten, in die bunten Plastikkisten, die dann über die kleine Rutschbahn hinuntersausen.

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Mit vielen kleinen Händen etwas Großes schaffen

Svenja und Jens sind vor drei Jahren zusammen mit fünfzehn anderen jungen Leuten der Kolpingsfamilie beigetreten. Das frisch verheiratete Paar war, wie die anderen, Leiter einer Messdienergruppe. Sie alle hatten den Wunsch, als Gruppe im kirchlichen Verbund weiterhin aktiv zu sein. “Unser Pfarrer, der ebenfalls bei KOLPING engagiert ist, hat uns den Vorschlag gemacht, dem Verband beizutreten”, erzählt die 28-jährige Svenja. Jens, der wie Svenja Grundschullehrer ist, erläutert, was die Gruppe motiviert hat, bei KOLPING mitzumachen: “In KOLPING steckt viel, das für uns wichtig ist: Gemeinschaft. Dass aus vielen kleinen Händen etwas Großes wird”, erklärt er.

Der 33-Jährige schaut sich um und erfreut sich am Fest. Es sei cool, besonders weil die Veranstaltung so bunt gemischt sei. Man sieht spielende Kinder, ältere Menschen mit Rollatoren und Menschen unterschiedlichster Herkunft. “Es ist schön, einen Beitrag dazu leisten zu können”, findet Jens.

Das KOLPING-Netzwerk für Geflüchtete ist heute auch am Start

Die Kistenrutsche ist nur ein Teil des Angebots der Kolpingsfamilie. Daneben gibt es ein großes Kubb-Feld, auf dem das Kolping-Kubb-Team zu dem Geschicklichkeitsspiel einlädt. Außerdem gibt es ein Glücksrad und das Mitmach-Mobil des KOLPING-Netzwerks für Geflüchtete, das für heute aus Köln angereist ist. Das Mitmach-Mobil lädt Interessierte dazu ein, sich mit dem Thema Flucht auseinanderzusetzen. In Videos und Audios erzählen Geflüchtete beispielhaft von ihren Erfahrungen aus der Heimat, von der Flucht und vom Ankommen in Deutschland. Auf der ausklappbaren Bühne des Mobils sitzt ein Mädchen und liest ein Bilderbuch nach dem anderen. Sie erzählen Geschichten von Kindern aus aller Welt. Im Innenraum steht ein Geschwisterpaar im Grundschulalter mit Kopfhörern vor einem Bildschirm. Ihre Oma steht dabei. Es läuft ein animierter Film über einen Jungen, der aus einem afrikanischen Land flieht. Die beiden Kinder hören gebannt zu. Die Oma der beiden sagt: “Es ist so wichtig dass diese Geschichten erzählt werden. Gerade heutzutage.” Damit spielt sie auf die aufgeheizte Stimmung im Land in Bezug auf Zuwanderung an.

“Hier gibt es die Möglichkeit, Geflüchteten zuzuhören. Man muss keine Hemmungen überwinden, um Menschen anzusprechen.”

Marie Hozak

Marie Hozak, die als Honorarkraft zusammen mit Alejandro Rios Aparido das Mobil betreut, meint, dass viel über Geflüchtete, aber nicht mit ihnen geredet wird. "Hier gibt es die Möglichkeit, Geflüchteten zuzuhören. Man muss keine Hemmungen überwinden, um Menschen anzusprechen", erklärt die 26-jährige Geografin, die ihre Bachelorarbeit über Flucht und Migration schrieb. Der 34-jährige Alejandro, der vor sieben Jahren nach seinem Philosophiestudium aus Peru kam, um in Deutschland seinen Master in Ökonomie, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Gestaltung zu machen, sieht sich als Vermittler zwischen “Südglobal und Nordglobal”, wie er sagt. Es sei sehr wichtig, mehr Wissen zu vermitteln, betonen beide. Um Menschen zum Verweilen einzuladen, steht vor dem Mobil ein Kicker, es gibt Sitzgelegenheiten, Ausmalbilder und ein Puzzle mit allen Ländern der Erde. 

“Immer wieder bringen Flüchtlinge ihre Fahrräder, die wir dann reparieren.”

Klaus Upmann

Selbstverständlich und mit Herzblut

Zuwanderung und die Integration Zugewanderter sind zentrale Themen der Kolpingsfamilie hier. Als vor zehn Jahren plötzlich sehr viele Menschen nach Deutschland kamen, um Asyl zu suchen, beschloss die Kolpingsfamilie, aktiv zu werden. Mathilde Upmann, die seit über 25 Jahren Mitglied der Kolpingsfamilie ist, erkannte die Not der Menschen und gründete eine “Flüchtlingsgruppe” für Frauen. Die 63-jährige ehemalige Krankenschwester wirkt abwehrend, beinahe schroff, wenn sie von ihrem Engagement erzählt. Als wäre jede Aufmerksamkeit für diese Selbstverständlichkeit völlig übertrieben. Ihr Handeln zeugt jedoch von einer tiefen Nächstenliebe, die nicht vor Herkunft oder Religion haltmacht. Neben der Gruppe, die sich auch heute noch einmal im Monat trifft, um Ausflüge zu machen oder im Kolpinghaus gemeinsam zu kochen, betreute sie zeitweise zwei Familien ganz intensiv. Sie und ihr Mann Klaus Upmann holten Mutter und Kinder einer afghanischen Familie vom Flughafen ab und brachten sie mit dem Vater zusammen, der über die Fußroute kam und schon länger in Deutschland war. Mathilde half dieser Familie und einer anderen aus Nigeria im Haushalt, als die Frauen schwanger waren. Dafür habe sie 6,75 Euro pro Stunde von der Krankenkasse bekommen. “Das Geld habe ich in einen gemeinsamen Urlaub investiert. Wir sind mit den Familien an die Nordsee gefahren”, sagt sie beiläufig.

Steckbrief: Kolpingsfamilie Rheine-Zentral

Die Kolpingsfamilie Rheine wurde 1868 gegründet. Mit 800 Mitgliedern war sie zeitweise die größte in Deutschland. Neben Aktivitäten wie dem Familienkreis, Handwerkerfrühstück und Frauengruppe engagiert sich die Kolpingsfamilie insbesondere in der Arbeit mit Zugewanderten. Heute hat die Kolpingsfamilie 97 Mitglieder. Davon gehören 20 zu der Gruppe der jungen Erwachsenen.

Highlights:

  • Spieletreff
  • Offener Café-Treff
  • Handwerkerfrühstück
  • Kegelbahn
  • Fahrradwerkstatt
  • Bücherkeller

Wenn sie von den Kindern spricht, wird ihr Tonfall weicher. “Der Sohn macht richtig Spaß”, begeistert sich Mathilde über den jüngeren Sohn der afghanischen Familie, für den sie wie eine Patentante sei. “Sobald er Deutsch konnte, hat er mir Löcher in den Bauch gefragt. Schulisch brauchte er keine Zuwendung, sondern nur jemanden, der ihm zuhört.” Mittlerweile besucht er das Gymnasium in Rheine. Aber auch die anderen Kinder seien auf dem richtigen Weg und absolvierten jetzt Ausbildungen, obwohl sie es alle nicht leicht gehabt hätten, weil sie auf der Flucht lange in einer schlimmen Unterkunft gewohnt hätten, berichtet Mathilde.

Integration ganz praktisch

Auch Klaus Upmann arbeitet seit zehn Jahren mit und für Geflüchtete. Jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag öffnet er zusammen mit einem Kollegen seine Fahrradwerkstatt für Zugewanderte. Dort werden gespendete Räder repariert und für kleines Geld an Geflüchtete verkauft. Immer wieder arbeiten auch Zugewanderte mit oder absolvieren ein Praktikum. Haroud Battouk aus Aleppo beispielsweise. Er half beim Fahrradschrauben, um Deutsch zu lernen und etwas tun zu können. Mittlerweile arbeitet er als Ingenieur beim Straßenbauamt in Bochum. Ein anderer war Lkw-Fahrer in Syrien. Jetzt arbeitet er als Busfahrer in Rheine. “Immer wieder bringen Flüchtlinge ihre Fahrräder, die wir dann reparieren”, sagt Klaus Upmann. Manche reparieren ihre Räder auch selbst. Kleine Sachen würden er und seine Kollegen direkt für wenig Geld erledigen. Denn die Werkstatt solle kein Verlustgeschäft sein, so Upmann.

Eine bunte Tüte voller Aktivitäten

Die Kolpingsfamilie engagiert sich nicht nur sozial, sondern sorgt auch immer wieder für geselliges Beisammensein. Zentraler Ort dafür ist das Kolpinghaus mit Tagungsräumen, einer professionellen Küche, einer Kegelbahn, Jugendräumen und dem Bücherkeller. “In den 70er Jahren musste unser altes Kolpinghaus der Stadtentwicklung weichen”, erklärt Günther Probst, der 78 Jahre alt ist. Von dem Geld, das die Kolpingsfamilie erhielt, wurde das neue Haus gebaut. Durch die Vermietung von drei Wohnungen in den oberen Etagen trägt sich das Haus selbst. Günther war 33 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Kolpingsfamilie. Jetzt hat er sein Amt an Maria Tappe weitergegeben und engagiert sich als stellvertretender Vorsitzender des Kolpinghauses e. V. Die Aktivitäten im Haus sind vielfältig. Ein Beispiel ist der jährliche Flohmarkt. Mit den Einnahmen unterstützt die Kolpingsfamilie das Mutter-Kind-Projekt “Alodo” in Benin. Zu diesem Zweck werden im gut sortierten Bücherkeller gebrauchte Bücher verkauft.

“Neulich ist jemand von den Grünen gekommen und hat mit uns über Diskussionskultur gesprochen. So etwas wollen wir öfter machen.”

Maria Tappe

“Besonders erfolgreich sind die Lesungen, die wir seit eineinhalb Jahren anbieten”, sagt Günther. Da kämen immer zwischen 30 und 50 Leute. “Neulich ist jemand von den Grünen gekommen und hat mit uns über Diskussionskultur gesprochen”, berichtet Maria. Die Veranstaltung war offen für alle. Es waren Jung und Alt da. “So etwas wollen wir öfter machen”, sagt sie. Mit diesen Bildungsangeboten und der Wertevermittlung leistet die Kolpingsfamilie einen wichtigen Beitrag für die Stadtgesellschaft in Rheine.

Neue und alte Perspektiven

An Ideen mangelt es der Kolpingsfamilie nicht. "Wir brauchen aber auch Leute, die das umsetzen
und nicht verzagen", mahnt Günther. Maria fügt hinzu: “Dass wir jetzt so viele junge Leute gefunden haben, stimmt mich optimistisch.” Sie würden auch neue Ideen mitbringen. So gibt es beispielsweise jetzt eine eigene App für die Kolpingsfamilie. Günther berichtet, dass die Kolpingsfamilie Rheine mit 800 Mitgliedern früher die größte in Deutschland gewesen sei. In den 50er Jahren teilte sie sich in die Kolpingsfamilien Rheine Zentral und Emstor auf. Letztere wird sich nun auflösen. “Wir machen demnächst ein großes Fest und laden alle ein, zu uns zu kommen und dann auch dauerhaft in unsere Kolpingsfamilie zurückzukehren. Dann schauen wir mal”, sagt Maria.

Es ist wichtig, dass es uns gibt

Mittlerweile hat Mathilde Klaus am selbstgebauten Glücksrad abgelöst. Die Kinder drehen das alte Rad eines Fahrrads, und eine Plastikzunge klackert durch die Speichen. Bleibt die Zunge an einem farbigen Feld stehen, gewinnt das Kind einen kleinen Preis. Gerade sei eine junge Kollegin bei ihr vorbeigekommen, freut sich Mathilde. Sie habe Lust, ehrenamtlich zu arbeiten, und überlege, ob sie bei der Flüchtlingsfrauengruppe einsteigt. “Es wäre schön, wenn die Frauen, die alle jung sind, mit einer ebenfalls jungen Ehrenamtlichen zusammenkommen würden.”

Kontakt:

VORSTAND: Maria Tappe, 05971 64492, maria.tappe@kolpingrheine.de

KOLPINGJUGEND: Svenja Krage, 0152 32769413

FAHRRADWERKSTATT: Klaus Upmann, 05971 2799, klausupmann@t-online.de

Und obwohl sich das Fest dem Ende zuneigt, ist die Schlange an der Kistenrutsche immer noch lang. Jens und Svenja heben immer noch Kinder aller Hautfarben in die Kisten. Und immer noch scheint es den beiden Spaß zu machen. Svenja betont nochmal die Bedeutung der Kolpingsfamilie: “Es ist wichtig, mal aus seinem eigenen Kontext rauszukommen, in dem man die ganze Zeit steckt.” Dafür brauche es Anlaufstellen und Kontakt mit Menschen, die einen anderen Erfahrungshorizont haben, aber offen für Austausch sind. So könne sie ein besseres Verständnis dafür gewinnen, was in der Gesellschaft abgeht.

Was sind Eure Tipps für eine starke Gruppe? Was macht Eure Kolpingsfamilie besonders?

Schreib uns an mitmachen@kolping.de – dann kommen wir vielleicht nächstes Mal zu Euch!

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