Text und Foto
Marie Hozak und Stanley Kadanik sind ein eingespieltes Team. Die beiden jungen Mitarbeitenden haben das Mitmach-Mobil schon einige Male gemeinsam betreut. Heute Morgen sitzt jeder Handgriff: Die Besuchsfläche wird ausgeklappt, Material aus den Schränken geholt, Sitzgelegenheiten hingestellt und Strom für die Videobildschirme angeschlossen. Darauf erzählen Salah, der aus Syrien stammt, und die Irakerin Wafaa, ihre Fluchtgeschichten in kurzen Filmsequenzen. Thematisch eingeteilt in Stationen berichten sie über die Gründe und den Weg ihrer Flucht. Über das Ankommen und das Leben hier in Deutschland.
Sternsingen gegen Kinderarbeit
Auf dem Schulhof der Realschule im Zentrum von Kaiserslautern ziehen inzwischen Gruppen junger, bunt gekleideter König*innen mit goldenen Kronen auf den Köpfen umher. Sie sind auf der Suche nach ihrem ersten Workshop. Begleitet werden sie von Erwachsenen. Kurz nach elf erreicht die erste Gruppe das Mitmach-Mobil. Marie und Stanley stellen sich den sechs Kindern im Alter von acht bis elf Jahren vor und fragen sie, wie ihnen das Dreikönigssingen gefallen hat. “Für Kinder Geld sammeln, finde ich gut. Damit sie in die Schule gehen können”, sagt die 10-jährige Marla. Leonie fügt hinzu: “Und dass sie nicht arbeiten müssen.” Das Motto der diesjährigen Sternsingeraktion lautete nämlich: “Schule statt Fabrik – Sternsingen gegen Kinderarbeit.” Da passt es gut, auch über die Gründe und Umstände von Flucht zu sprechen.
Sich in Geflüchtete hineinfühlen
“Was gefällt euch an eurem Zuhause?” fragt die 26-jährige Marie, die ihre Bachelorarbeit über Flucht und Migration schrieb. Ein Mädchen antwortet: “Mir gefällt, dass meine Freunde da wohnen. Aber ich habe zu viele Geschwister.” Ein Junge sagt, er könne Rehe sehen, wenn er aus dem Fenster schaue. Es sind Alltäglichkeiten, von denen die Kinder berichten. Marie erklärt den Kindern, dass Salah und Wafaa auch ein Zuhause gehabt hätten, dieses aber wegen Krieg und Verfolgung verlassen mussten. Stanley fragt weiter, was die Kinder mitnehmen würden, wenn sie ihr Zuhause schnell verlassen müssten. Durch den Perspektivwechsel sollen sich die Kinder in die Lage von Geflüchteten hineinversetzen.
Frühe Prägung für das ganze Leben

“Das Verständnis von ‘Wir-und-die-anderen’ beginnt schon im Vorschulalter”, sagt Mical Gerezgiher, Doktorandin an der Universität Gießen, promoviert zu Toleranzeinstellungen von Schülerinnen und Schülern. Insbesondere im Kindes- und Jugendalter würden durch Sozialisationsprozesse die Weichen für die zukünftige politische Persönlichkeit gelegt. Das passiere bereits im Grundschulalter. In dieser Zeit würde die demokratischen Einstellungen geformt. Der 30-jährige Stanley Kadanik findet, dass politische Aufklärung mit jüngeren Kindern möglich ist. “So wie das Mobil konzipiert ist, ist das ideale Alter ab 11 Jahre”, aber gepaart mit einem Workshop funktioniere das Mobil auch mit jüngeren Kindern gut, meint der Sozialwissenschaftler und stützt damit die Ergebnisse der Forschung von Mical Gerezgiher.
500 Syrische Pfund und ein Kuscheltier
Mittlerweile haben fast alle Kinder der Gruppe die verschiedenen Filme angesehen. Besonders interessant sind zwei kleine Kästen, in denen sich die Dinge befinden, die Salah und Wafaa aus ihren Heimatländern mitgebracht haben. Die Kinder sind fasziniert von Salahs laminiertem 500-Pfund-Schein aus Syrien. Dass er nur knapp einen Euro wert ist, verblüfft sie. Und der kleine Kuschelhund von Wafaa. Wenn er von Hand zu Hand wandert, wird spürbar, wie es sich anfühlt, das sichere Zuhause zu verlassen.
Kontakt zu Kindern aus anderen sozialen Gruppen
Die meisten Kinder aus dieser Gruppe, kommen aus Dörfern und Kleinstädten in der Nähe von Pirmasens. Gemeindereferentin Anja Sachs, die die Gruppe begleitet, berichtet, dass es in einigen Dörfern keine Menschen aus anderen Herkunftsländern gebe. “Jasmin und Xenia aus meiner Klasse kommen aus der Ukraine”, weiß die achtjährige Lia* aus Rotalben. “Die reden aber nicht über ihr Zuhause, sonst fangen sie an zu weinen«, ergänzt sie. Der Kontakt zu Kindern aus anderen sozialen Gruppen ist wichtig, sagt Gerezgiher. Durch Freundschaften untereinander können sich Ressentiments schwerer verfestigen. Sie rät Lehrenden und Eltern daher, den Kontakt aktiv zu fördern. Schulklassen und Kitagruppen sollten beispielsweise Projekttage mit jungen Menschen aus einem anderen gesellschaftlichen Umfeld veranstalten. Lia und ihre gleichaltrige Freundin Bente erzählen, dass sie regelmäßig Nachrichten schauen. Außerdem lesen beide Kinder die Tageszeitung. Was sie über Geflüchtete denken, wird deutlich, wenn sie sagen: ”Es wär einfach schön, wenn alle Leute willkommen sind. In Rotalben und in der ganzen Welt."
"Zuhause fühlt man sich sicher"
Inzwischen ist die Gruppe zu einem anderen Workshop weitergewandert und es sind neue Kinder gekommen. Marie fragt: “Was macht für euch zuhause aus?” Die Kinder sind etwas älter, daher sind die Antworten abstrakter: “Dass man bei seiner Familie ist”, “Dass man sich sicher fühlt” und “dass man ein Dach über dem Kopf hat”. Auch als die Kinder die Gründe für Flucht aufzählen, wird deutlich, dass sie sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Sie nennen Diskriminierung und Verfolgung, Krieg und Gewalt sowie Hunger. Dann stellen sie sich in ihren langen, bunten Samtumhängen vor die Bildschirme. Die Kronen liegen auf den Sitzhockern, damit sie die Kopfhörer aufsetzen können.
Das Mitmachmobil

Das Projekt wird durch den Asyl-, Migrations- und Integrationsfond der EU gefördert. Informationen sowie die Möglichkeit, das Mitmach-Mobil oder Info-Workshops zu buchen, findet Ihr auf unserer Website. Wir freuen uns über Eure Anfragen!
Man kann voneinander lernen
Nachdem sich Valentin alle Filme angeschaut hat, sagt der 11-Jährige sichtlich betroffen: “Ich frage mich, warum Menschen so etwas tun. Egal, welcher Religion sie angehören, wir sind doch alle gleich viel wert.” Damit meint er den Krieg und die Verfolgung, die Salah und Wafaa erlebt haben. Der 12-jährige Gabriel erzählt von einem Erlebnis, das ihn sehr beschäftigt: “Ich war mal bei meinem Opa, und da haben wir gesehen, wie jemand seine Sachen gepackt hat, weil er gehen musste.” Dass es Politiker gibt, die etwas gegen Geflüchtete haben, stößt bei ihm auf Unverständnis. “Ich würde den Menschen freundschaftlich begegnen. Und vielleicht kann ich ja was von denen lernen”, sagte er. Er fügt hinzu: “Maria und Josef mussten ja auch flüchten.”
Kinder machten oft beiläufig erste Erfahrungen mit Politik, beispielsweise über die Medien oder in Gesprächen, sagt Gerezgiher. Es sei interessant und Teil ihrer Forschung herauszufinden, inwieweit sich dieses außerschulisch erworbene politische Wissen auf die Toleranzentwicklung der Kinder auswirkt.
In der nächsten Gruppe sind zwei Brüder, deren Vater selbst aus Syrien fliehen musste. Sie wissen genau, was sie mitnehmen würden, wenn sie fliehen müssten: “Ausweise, Führerschein, Krankenkassenkarte, Geld, Essen für zwei Wochen und ein Mobilgerät”, zählt der 14-jährige George auf. “Ja”, sagt sein 10-jähriger Bruder Jack “und noch das Kuscheltier, das ich zur Geburt bekommen habe.”
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