Mit jugendlichem Elan

2018 gründeten Iris und Thomas Jansen in Birgelen eine neue Kolpingsfamilie. Das Besondere daran: Sie besteht überwiegend aus Kindern und Jugendlichen.

Foto der Fotografin Barbara Bechtloff mit Kamera in der Hand

Text und Foto

Barbara Bechtloff

Drachenkampf

Es ist Allerheiligen. In Birgelen, einem Ortsteil der Stadt Wassenberg im Kreis Heinsberg mit gut 4.000 Einwohnern nahe der niederländischen Grenze, findet die monatliche Gruppenstunde der Kolpingjugend statt. Die Kirche steht im alten Ortskern, dort, wo das Dorf überschaubar geblieben ist. Hier gibt es noch einen Schreibwarenladen, eine Fleischerei, einen türkischen Imbiss, und am Ortsrand liegt das Wasserschloss Elsum. Im Pfarrsaal der St.-Lambertus-Kirche wird es an diesem Nachmittag laut. Sechs Mädchen haben sich hintereinander aufgestellt, jeweils mit den Händen auf den Schultern des Mädchens davor. Ihnen gegenüber hat sich eine Gruppe von sechs Jungen ebenso aufgestellt. Beide Teams bilden einen “Drachen”. Die “Drachenköpfe” mustern sich angriffslustig. Ziel des Spiels ist es, den "Drachenschwanz", einen orangefarbenen Schal, aus dem Hosenbund des letzten Teammitglieds zu erwischen.

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Auf das Startsignal von Iris Jansen stürmen die Gruppen los. Wild rufend und lachend jagen die Kinder und Jugendlichen durch den großen Pfarrsaal. Am Ende triumphieren gleich zwei Mal die Mädchen. 

Thomas und Iris Jansen haben sichtlich Freude daran, den Kindern und Jugendlichen zuzuschauen, wie sie die Spiele spielen, die das Paar passend zu verschiedenen Heiligen vorbereitet hat. Gerade geht es um den heiligen Georg, der der Legende nach einen Drachen tötete und damit eine Stadt vom Bösen befreite. Zuvor hatten die beiden Gruppen die Aufgabe, möglicht hohe Türme aus Spaghetti und Marshmallows zu bauen. Diesmal ging der Punkt an die Jungen. Thematischer Aufhänger für die Spaghetti-Türme war Katharina von Siena, die für die Einheit der Kirche und den Frieden in Italien kämpfte. “Manchmal sind die Bezüge zu den Heiligen etwas weit hergeholt”, räumt Iris lachend ein.

“Ich war die erste in unserer Familie, die bei KOLPING landete, aber nicht die letzte.”

Iris Jansen

Die 51-Jährige arbeitet als Mathematikerin bei einer Versicherung. Sie kam mit elf Jahren zu KOLPING. Aufgewachsen ist sie in Mönchengladbach-Giesenkirchen, einem Stadtteil, in dem Freizeitangebote für Mädchen lange rar waren. “Die Messdiener nahmen nur Jungs, die Pfadfinder auch”, erinnert sie sich. “Dann hat KOLPING eine Mädchengruppe gegründet.” Iris war dabei. “Ich war die erste in unserer Familie, die bei KOLPING landete, aber nicht die letzte”, sagt sie stolz. 

Auch Thomas ist KOLPING schon seit Jugendtagen verbunden. Er kam über einen Umweg dazu: Schulfreunde nahmen ihn mit zum Pfingstzeltlager des Diözesanverbandes Aachen. Mitglied wurde er in der Kolpingsfamilie Effeld, einem anderen Stadtteil von Wassenberg. Obwohl beide unterschiedlichen Kolpingsfamilien angehörten, begegneten sie sich genau dort: im Pfingstzeltlager. Iris war 19, Thomas 22, als aus der Bekanntschaft ein Paar wurde. Eine echte Kolping-Liebe. Ihr gemeinsames Engagement bei KOLPING verband die beiden schon damals. Gemeinsam nahmen sie an den Bundeskonferenzen der Kolpingjugend teil. Sie als Aachener Diözesanleiterin und er als Landesleiter Nordrhein-Westfalen.

Die Kolpingsfamilie Effeld gibt es schon lange nicht mehr, Thomas wechselte nach Aachen, wo die beiden gemeinsam wohnten. Iris blieb ihrer ursprünglichen Kolpingsfamilie treu, bis die Jansens in Birgelen eine neue gründeten.

“Es ist egal, wo jemand herkommt, welches Geschlecht man hat oder wie alt man ist. Zusammen hat man es netter.”

Thomas Jansen

Die zwölf Kinder und Jugendlichen, die heute zusammenspielen, bilden eine bunte Altersmischung: Die Jüngsten sind acht, die Ältesten siebzehn Jahre alt. Auch die 23-jährige Annika ist dabei. Sie stieß vor zwei Jahren spontan dazu und arbeitet seitdem im Leitungsteam der Jugend mit. Heute spielt sie einfach nur mit. Trotz der Altersunterschiede haben alle gemeinsam Spaß.

“Es ist egal, wo jemand herkommt, welches Geschlecht man hat oder wie alt man ist. Zusammen hat man es netter”, sagt Thomas Jansen. Damit fasst er treffend zusammen, was diese Kolpingsfamilie auszeichnet: Vielfalt, Akzeptanz, Zugehörigkeit – und jede Menge Freude am Miteinander.

Erbschuld

Dennoch meint Mats Jansen, der 18-jährige Sohn von Thomas und Iris: “Ich glaube, dass wir mehr Angebote für die Größeren brauchen, sonst verschwinden die.” Mats hat im Herbst ein Informatikstudium in Aachen begonnen. Auf die Frage, ob er seine Gruppenleitertätigkeit weiterhin fortführen könne, antwortet er optimistisch: “Ich werde das bestimmt einbauen können.”

Wenn alle, die im passenden Alter sind, die Gruppenleiterschulung machen würden, wären das acht Personen, erklärt Mats. “Dann könnten wir mehr und coolere Angebote machen.” Seine Schwester Lina gehört zu den drei Mitgliedern, die aktuell die Schulung absolvieren. Sie freut sich darauf, beim nächsten Pfingstzeltlager einen Zeltkreis zu leiten. Beim letzten Lager hat sie schon mitgeholfen. “Da haben wir im Regen anderthalb Stunden durchgetanzt, um die Kinder bei Laune zu halten”, erzählt sie und wirft ihren Eltern mit einem frechen Grinsen hinterher: “Ich hab aber auch keine Wahl, als hier mitzumachen.” Mats kommentiert trocken: “Erbschuld!”

Ein attraktives Angebot

Die Basis für die Kolpingsfamilie schufen die Jansens 2018 mit der Erstkommunion von Tochter Lina. Im Neubaugebiet, in dem die Familie wohnt, leben viele Familien mit Kindern in ähnlichem Alter, für die es kaum Angebote gibt. Da Iris und Thomas selbst positive Erfahrungen mit KOLPING gesammelt hatten, wollten sie ihren eigenen und den Nachbarskindern die Chance bieten, Teil einer aktiven Kolpingjugend zu werden. Mit der großzügigen Spende eines anderen Vereins und der Unterstützung einiger Menschen aus der Pfarrgemeinde konnte die Kolpingsfamilie Ende 2019 offiziell gegründet werden. Seitdem trifft sich die Gruppe regelmäßig einmal im Monat.

Steckbrief: Kolpingsfamilie Birgelen

Die Kolpingsfamilie Birgelen wurde am 6. November 2019 als Ortsgruppe neu gegründet. Neben den regelmäßigen Gruppenstunden beteiligen sich die Mitglieder am Sternsingern und an Veranstaltungen im Ort. Sie nehmen an Zeltlagern sowie weiteren Angeboten von KOLPING im Bistum Aachen teil. Künftig sollen zudem neue Angebote für Familien und Erwachsene hinzukommen.

Ein besonderer Anziehungspunkt für Kinder und Jugendliche sind die Angebote der Kolpingjugend im Diözesanverband Aachen. Sie schaffen Identifikation und oft den ersten Kontakt mit der Kolpingwelt jenseits der Gruppenstunden. Vor allem das Pfingstzeltlager, das für alle Altersstufen offen steht, ist ein Publikumsmagnet. Nicht nur in Birgelen ist es ein Türöffner für Kinder und Jugendliche, die zuvor keine Berührung mit dem Verband hatten. 

Auch das Freaky Weeky, ein Winterwochenende für Neun- bis Dreizehnjährige, sorgt regelmäßig für Begeisterung. Auf dem Programm stehen Spiele und Workshops. Je nach Wetter gibt es Nachtwanderungen, Lagerfeuer oder einen gemeinsamen Filmabend. Für Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren findet das Wyld Weekend statt. “Diese Events haben wir in unser Programm aufgenommen. So hatten wir von Anfang an ein attraktives Angebot und der Arbeitsaufwand blieb für uns gut zu bewältigen”, erklärt Thomas.

Gemeinsam Spaß haben

Emma hat gerade ihren Mühlestein gesetzt, doch leider zu spät. Ihr Gegenspieler beim “Mühle-Spielen mit Wettlaufen”, hat die Mühle bereits geschlossen. Dieses Spiel haben die Jansens an die Legende des heiligen Florian angelehnt, der mit einem Mühlstein in den Fluss geworfen wurde. Obwohl sie gerade ins Hintertreffen geraten ist, lacht die 16-Jährige und meint: “Die Kolpingsfamilie finde ich cool, weil wir so viele verschiedene Aktionen machen und zusammen Spaß haben.”

Am besten gefällt ihr das Wyld Weekend, ein Wochenend-Städtetrip mit Ausflügen, Workshops, Abendshows, gemeinsamen Kochen und Freizeit, in einer Jugendherberge einer größeren Stadt. “Da treffen wir andere Jugendliche”, erklärt Emma. Zur Kolpingsfamilie kam sie mit acht Jahren über ihre Freundin Lina Jansen. Die Initialzündung war auch bei ihr das Pfingstzeltlager, an dem sie gemeinsam mit der Familie Jansen teilnahm. Momentan absolviert auch sie die Gruppenleiterschulung. Emma kann sich gut vorstellen, nach der Schule der Kolpingsfamilie treu zu bleiben. “Hoffentlich machen wir weiter!”, sagt sie.

“Das Wichtigste ist, dass die Laune gut ist!”
 

Mats Jansen

Der nächste Schritt

Dass sich die Kolpingjugend mittelfristig verselbstständigen muss, ist Iris und Thomas bewusst. Die beiden wissen, dass sie die ganze Arbeit nur vorübergehend alleine stemmen können. “Mein Wunsch ist, dass das Ganze hier zunehmend ohne uns funktioniert. Es ist auf Dauer ein Problem, wenn eine einzige Familie die ganze Kolpingsfamilie trägt”, sagt Thomas. Und Iris ergänzt: “Wir hoffen, dass die Jugendlichen immer mehr selbst übernehmen und wir sie nur noch unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen.” Dieser Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe stand bereits Pate, als Adolph Kolping Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Gesellenverein gründete. Auf diese Weise befähigte er die jungen Handwerksburschen, ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben zu führen. 

Zudem könnte Iris sich vorstellen, künftig auch ein Angebot für Menschen ihres Alters oder älter ins Leben zu rufen. Dabei bleibt sie ihrem Grundsatz treu: “Wir machen immer Sachen, die uns selbst Spaß machen und von denen auch wir etwas haben.”

Kontakt:

Thomas Jansen:thomas.jansen@kolpingbirgelen.de; +49 170 7518803

Iris Jansen:iris.jansen@kolpingbirgelen.de; +49 1511 7817674

Annika Winkens und Mats Jansen:jugend@kolping-birgelen.de

Mit Liebe handeln

Iris und Thomas lieben, was sie tun, und das spürt man bei jeder Gelegenheit. Während der Corona-Zeit nutzten sie jede Möglichkeit, um trotz strenger Hygieneregeln Angebote für die Kinder zu schaffen – notfalls mit Maske an der frischen Luft. “Andere Vereine haben gesagt: ‘Es ist alles so schwierig’”, erinnert sich Thomas. Für die Kolpingsfamilie war das ein Vorteil: Denn durch den Mangel an anderen Angeboten, wuchs auch in dieser Phase die Mitgliederzahl kontinuierlich, erzählt er. Gleichzeitig hat diese Zeit die Gruppe enger zusammengeschweißt. Als auch das Pfingstzeltlager 2021 nicht stattfinden konnte, entstand die Idee, im Spätsommer zumindest ein kleines Zeltlager zu organisieren, um den Kindern und Jugendlichen trotz aller Einschränkungen ein besonderes Erlebnis zu ermöglichen und um die neu gekauften Zelte einzuweihen. Mit Unterstützung des Diözesanverbands ging es für ein Wochenende in den westlichsten Zipfel Deutschlands, nach Süsterseel.

Auch Werte sind wichtig

So oft es das Wetter zulässt, finden die Gruppenstunden draußen statt. Im September etwa unternahm die Gruppe eine Fahrradtour entlang der Rur. Bei solchen Gelegenheiten lasse sich gut vermitteln, dass man nicht für jeden Weg das Auto brauche, sagt Iris. Ähnlich sei es bei anderen Aktionen, etwa einem Ausflug in die Trampolinhalle. Hier fahren alle mit öffentlichen Verkehrsmitteln, für manche ist es sogar die erste Zugfahrt.

Auch bei anderen Anlässen ergeben sich Gespräche über Werte. “Wenn Kinder Bemerkungen über Geflüchtete oder Menschen mit Behinderung machen, nutzen wir das als Anlass, darüber zu sprechen”, erklärt Iris. Auf diese Weise würden Themen wie Menschenwürde ganz selbstverständlich Teil des Miteinanders, ergänzt sie.

“Das Wichtigste ist, dass die Laune gut ist!”, bekennt Mats – und freut sich, dass die Jungengruppe beim Papierfliegerwerfen gewonnen hat. Der Bezug des Spiels: Maria Magdalena, der ein Engel die Auferstehung Jesu verkündete, und Engel haben Flügel. Auch wenn Mats’ eigener Papierflieger nur zwei Meter weit flog.

Was sind Eure Tipps für eine starke Gruppe? Was macht Eure Kolpingsfamilie besonders?

Schreib uns an mitmachen@kolping.de – dann kommen wir vielleicht nächstes Mal zu Euch!

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1 Kommentare

  • Peter Witte
    am 13.02.2026
    "Das wichtigste ist, dass die Laune gut ist!" - So isses!
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