"Mit offenem Visier an die Sache herangehen"

Was Abgeordnete der Koalition von der Rentenkommission erwarten: Das Kolpingmagazin befragte zwei Abgeordneten über ihre Erwartungen an die Rentenkommission und über das Rentenmodell von Kolping.

Johannes Winkel (CDU), Kerstin Griese (SPD)

Kerstin Griese (59) ist Bundestagsabgeordnete der SPD und Parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium. In der Rentenpolitik betont die Pfarrerstochter aus Münster die Bedeutung von Verlässlichkeit und Anerkennung der Lebensleistung der Menschen und wirbt um Vertrauen in die gesetzliche Alterssicherung.

Johannes Winkel (34) aus dem Sauerland hat in der Kolpingjugend sein Interesse an Politik entdeckt. Als Vorsitzender der Jungen Union gehörte er im Dezember 2025 zu jenen Abgeordneten im Bundestag, die dem Rentenpaket der Koalition die Zustimmung verweigerten – für ihn eine Frage der Generationengerechtigkeit.

KOLPINGMAGAZIN: Die Rentenkommission soll Lösungen für eine zukunftsfeste Alterssicherung entwickeln. Wo sehen Sie aus Sicht von Niedrigverdiener*innen den größten Reformbedarf, um Altersarmut zu verhindern und soziale Gerechtigkeit zu sichern?

Griese: Die wirksamste Prävention gegen Altersarmut ist eine sozial abgesicherte Erwerbstätigkeit. Deshalb geht es zuerst darum, Menschen in Arbeit zu bringen. Notwendig sind nicht nur ein stetig steigender Mindestlohn und eine höhere Tarifbindung, sondern auch Reformen, die verhindern, dass Frauen in Teilzeit bleiben, obwohl sie eigentlich mehr arbeiten möchten.

Winkel: Bevor wir zur Rente kommen, würde ich den Fokus zunächst auf das Arbeitsleben richten Da müssen wir für Entlastung bei der Einkommenssteuer und den Sozialabgaben sorgen. Vielleicht spielen die Steuern bei niedrigen Einkommen nicht die große Rolle, aber Sozialabgaben zählen ab dem ersten Euro.

Viele Menschen mit niedrigen Einkommen können trotz jahrzehntelanger Arbeit kaum ausreichende Rentenansprüche aufbauen. Welche Anforderungen stellen diese Gruppen an eine solidarische Basisabsicherung im Alter?

Griese: Ich setze auf eine Stärkung und Weiterentwicklung der Grundrente. Hierfür ist es wichtig, dass wir das Rentenniveau mit der Verlängerung der sogenannten Haltelinie bis 2031 bei 48 Prozent stabilisieren. Das bedeutet konkret, dass Renten auch in Zukunft weiterhin mit den Löhnen steigen.

Winkel: Das Ziel ist natürlich, dass die Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufnehmen. Die ist in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau. Es gibt verschiedene Maßnahmen, wie man das noch stärken könnte.

“Die Lebensstandardsicherung für Menschen mit niedrigen Einkommen ist ein zentraler Maßstab.”

Kerstin Griese

Aber eigentlich fällt es für Bezieher*innen niedriger Renten kaum ins Gewicht, ob das Rentenniveau bei 47 oder 48 Prozent liegt. Wäre es insofern nicht besser, auf eine steuerfinanzierte Mindestabsicherung zu bauen, wie sie Kolping fordert?

Griese: Die Stabilisierung des Rentenniveaus ist aus meiner Sicht ganz zentral auch für Bezieher*innen kleiner Renten. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass mehr Menschen Betriebsrenten bekommen. Mit dem Grundrentenzuschlag werden genau diejenigen belohnt, die jahrelang gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt haben und niedrige Löhne hatten. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit und des Respekts vor der Lebensleistung.

Winkel: Darüber kann man sich unterhalten, denn die Rentenkommission soll ja ganz offen über verschiedene Modelle sprechen. Aber die Rente ist auch heute schon zu großen Teilen steuerfinanziert. Ein Drittel der Steuereinnahmen im Bundeshaushalt geht in die Rentenfinanzierung. 130 Milliarden Euro pro Jahr für ein System, das eigentlich mit null Euro Zuschuss aus Steuermitteln auskommen sollte.

Zugleich befürchten junge Menschen, dass sie zukünftig von der Last der Beiträge erdrückt werden. Wie wollen Sie sie dafür gewinnen, am Generationenvertrag festzuhalten?

Griese: Unser umlagefinanziertes gesetzliches Rentensystem ist das stabilste der Welt. Aber wir müssen darauf achten, dass den Beiträgen auch künftig stabile Renten folgen. Deshalb sorgen ja auch die durchaus hohen Steuerzuschüsse zur Rente dafür, dass das gelingt.

Winkel: Der Generationenvertrag ist natürlich von der Demografie abhängig. Das ist eine mathematische Frage und keine politische. In den Sechzigern haben sechs Beitragszahler eine Rente finanziert, heute müssen das zwei stemmen und in absehbarer Zeit eher 1,5. Das geht auf Dauer nicht gut, darum muss die Politik sich Gedanken machen.

“Ich weiß nicht, ob das allen klar ist: Wir müssen es in dieser Legislaturperiode hinbekommen.”

Johannes Winkel

Dazu hat die Bundesregierung nun die Rentenkommission eingesetzt. Wie können die Perspektiven von Menschen mit niedrigen Einkommen in dieser Kommission Gehör finden?

Griese: Die Lebensstandardsicherung für Menschen mit niedrigen Einkommen ist ein zentraler Maßstab, so hat es der Koalitionsausschuss beschlossen. Die Kommission ist mit hoch kompetenten Mitgliedern besetzt, es fließen sowohl wissenschaftliche Expertise als auch praktische Erfahrung aus der Rentenverwaltung und parlamentarische Perspektiven ein. Ich denke, dass die Kommission auch weitere Positionen, zum Beispiel der Sozialverbände, einbeziehen wird.

Winkel: Ich glaube nicht, dass die Perspektive von Menschen mit niedrigem Einkommen in Deutschland fehlt, da verweise ich zum Beispiel auf die Mindestlohnkommission. Ich hoffe, dass die Rentenkommission mit einem offenen Visier an die Sache herangeht und man sich nicht hinter parteipolitischen Sprechblasen versteckt. Frühere Kommissionen haben auch schon gute Ergebnisse erzielt, aber die Politik hat sie nicht umgesetzt. Ich weiß nicht, ob das allen klar ist: Wir müssen es in dieser Legislaturperiode hinbekommen, denn bald gehen die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand. Wir sollten uns schon vorher etwas überlegt haben.

Die Rentenkommission der Bundesregierung soll Ideen für die Alterssicherung über die 2030er-Jahre hinaus entwickeln. Wie nötig das ist, zeigt der deutliche Anstieg der Altersarmut in Deutschland. Das von Kolping entwickelte Modell einer garantierten Alterssicherung könnte einen Weg in die Zukunft
weisen. Mehr zu diesem Thema erfährst Du im Kolpingmagazin-Beitrag “Armutsfest und generationengerecht” Wie kann die Rente wieder sicher werden?  

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2 Kommentare

  • Günter Striewe
    am 12.02.2026
    Winkel liegt völlig daneben:
    1. Die Rentenversicherung ist schon immer zu rund einem Drittel mit Zuschüssen aus Haushaltsmitteln finanziert worden!
    2. "Produktivität schlägt Demographie"! Unser gesamter Wohlstand geht zurück auf den technischen Fortschritt; er hat zu viel höherer Leistung geführt, als wir ohne Maschinen schaffen könnten.

    Das Problem ist nur, dass inzwischen wesentliche Teile des Erlöses in hohe Managervergütungen fließen und als Dividenden an die Shareholder ausgeschüttet werden, die Dividenden aber nur billigst mit der Abgeltungssteuer belastet werden, während der Arbeitslohn im internationalen Vergleich in Deutschland nach Belgien am höchsten belastet wird. Dieses Ungleichgewicht muss endlich wieder korrigiert werden. Das ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Artikel 14 Abs. 2 und 20 Abs. 1 GG.
  • Günter Striewe
    am 13.02.2026
    Ich habe inzwischen zu dem Doppelinterview auch auf meiner Homepage Stellung bezogen: https://politik.striewe-online.de/soziales/statistik-demografie.html#2026-02-13 So können sich alle Leser des Kolping-Magazins umfassend über meine Sicht auf das Missverhältnis der gesamtstaatlichen Finanzierung informieren.
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