Text und Foto
“Jesus wird gefesselt und abgeführt. Kennen wir das nicht auch?”, liest Andreas Weser den Impuls zur ersten Station der heutigen Kreuzwegandacht vor. Ein Beamer wirft das schlichte Bild eines Seils an die Wand. Der Raum sieht aus wie ein einfacher Konferenzraum. Tische und Stühle sind in U-Form zur Wand ausgerichtet. Papst Leo XIV. und der Ortsbischof Heinrich Timmerevers schauen von der weißen Wand in die Runde. Das Kolpingbanner in der Ecke zeugt davon, dass dies das Kolpingzimmer im Gemeindehaus in Dresden-Cotta ist. Martina Weser ist seit 2007 Vorsitzende der Kolpingsfamilie. Für den heutigen Abend hat sie eine Kreuzwegandacht vorbereitet. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas führt sie in vierzehn Stationen mit Bildern, Bibeltexten und Impulsen durch den Kreuzweg. Vierzehn Mitglieder der Kolpingsfamilie sind es auch, die hier sitzen und konzentriert zuhören. Die Altersspanne reicht von Mitte 50 bis über 90 Jahre, und die vorherrschende Haarfarbe im Raum ist weiß.

Wege zum Erfolg
"Gute Ideen, starke Projekte und echte Gemeinschaft machen KOLPING fit für die Zukunft. Lass Dich inspirieren und frag’ nach!"
Eine engagierte Frau
Gerade noch hatte die fast 63-jährige Martina einen Auftritt mit ihrem Chor. Jetzt muss sie sich ein paar Mal räuspern, um den Raum mit ihrer Stimme füllen zu können. Trotz des vollen Tages, der hinter ihr liegt, ist sie ruhig und ganz bei der Sache. Auch als die Technik launisch wird und nicht sofort das tut, was sie soll, bringt das Martina nicht aus der Spur – schließlich hat sie viel Erfahrung. “Martina hat sieben oder acht Ehrenämter”, sagt ihr Mann Andreas. Er habe schon versucht sie zu bremsen, “aber sie macht es einfach gerne”, sagt er. Auch der heutige Tag ist geprägt vom vielfältigen Engagement der Kolpingschwester. Nach ihrem Arbeitstag als Sekretärin des Bischofs hatte sie ein paar kurze Stunden zu Hause, bevor sie Sack und Pack ins Auto lud, und die 90-jährige Kolpingschwester Gretel Seiffert und die 85-jährige Erika Menzel abholte. Die beiden Frauen warteten vor ihren Häusern und stützten sich geduldig auf ihre Gehstöcke. Beide haben ihre Stammplätze im Auto der Wesers. Bei ihren Fahrten zu Kolpingveranstaltungen sitzt Gretel auf dem Beifahrersitz, Erika auf der Rückbank.

Alter ist kein Makel
Zu den alle zwei Wochen stattfindenden Kolpingabenden kommen die beiden älteren Damen regel- mäßig. “Durch Kolping fühle ich mich in der Gemeinschaft aufgehoben und erfahre Neues”, sagt Gretel Seiffert. Auch die Sicherheit, dass bei Kolping jeder jedem hilft, ist ihr wichtig. Erika Menzel ergänzt: “Je älter man wird, desto schöner ist es, nicht allein zu sein.” Sie hat etwas Mühe mit dem Sehen und blinzelt stark, während sie das sagt. “Ich habe mir jetzt die Augen machen lassen und als Nächstes schaffe ich mir ein Hörgerät an”, erklärt sie.
Für Martina ist es kein Makel, dass viele Mitglieder älter als 80 sind. Dadurch werde die Kolpingarbeit nicht weniger wertvoll, sagt sie und fügt hinzu: “Die Älteren habe ich besonders im Blick.” Es ist die viele Arbeit wert, nach einem Abend oder einer Unternehmung die Dankbarkeit zu spüren. “Auch von den älteren Mitgliedern”, meint Martina. Dass die Kolpingsfamilie keine eigene Jugend hat, findet sie schade, aber für Martina stellen schwierige Situationen keine Hindernisse dar, sondern bieten Möglichkeiten, die es zu ergreifen und zu gestalten gilt. Und sich an dem freuen, was da ist, konnte sie schon immer. “Ich hatte eine schöne Kindheit. Es war nicht alles schlecht”, sagt sie über ihre Kinder- und Jugendjahre in der DDR. Dabei war es damals mit vielen Repressalien und Schikanen verbunden, sich als Christ*in zu bekennen. Da ging es den Wesers nicht anders. Religiosität war für sie kein Akt des Widerstandes, sondern viel mehr eine “innere Heimat”, die ihnen durch schwierige Zeiten geholfen hat. Das erklärt auch die starke kirchliche Verbundenheit der beiden.
Kontakt

Vorstand der Kolpingsfamilie Dresden-Cotta:
Martina Weser
weser.martina@gmail.com
Diözesansekretär Kolping Dresden-Meißen/Görlitz:
Stefan Sorek
stefan.sorek@kolping-ost.de
0171 209 23 17
"Die Kolpinggemeinschaft ist mir sehr wichtig geworden"
Die Wesers kamen 1996 zu Kolping. “Nach einer privaten Krise, die mit den Nachwehen der DDR zu tun hatte, fanden wir Halt bei Kolping”, erinnert sich Andreas Weser. Die Verbundenheit der beiden mit Kolping ist im Laufe der Jahre gewachsen.
Seit ihre beiden Kinder aus dem Haus sind und Martina zusätzlich das Amt der stellvertretenden Diözesanvorsitzenden in Dresden-Meißen übernommen hat, hat sich ihr Horizont enorm erweitert. Zwar hat Andreas nicht so viele Ämter wie seine Frau, dennoch kümmert er sich wie sie um ältere Mitglieder. So besucht er beispielsweise regelmäßig ein 88-jähriges Ehepaar. Die beiden wollten bereits aus der Kolpingsfamilie austreten, da sie nicht mehr zu den Veranstaltungen kommen konnten. Jetzt besucht Andreas sie regelmäßig und lässt sie so weiter am Geschehen teilhaben. “Die beiden blühen richtig auf, weil sie so noch dabei sein können”, sagt er.
Themenvielfalt aus erster Hand
Jedes Jahr findet Martina sieben bis acht Referent*innen für die regelmäßigen Kolpingabende. “Ich sitze an der Quelle”, lacht sie und meint das Vorzimmer des Bischofs, für den sie arbeitet. Dort trifft sie viele interessante Menschen, die etwas zu erzählen haben. Ob Kirchenrechtler, Steyler Missionare aus verschiedenen Ländern wie Ghana oder Indonesien oder Gemeindemitglieder, die von spannenden Reisen berichten – Abwechslung ist ihr wichtig. Durch das offene Veranstaltungsangebot hat die Kolpingsfamilie auch hin und wieder Neuzugänge. “Und das ganz ohne Druck”, betont Martina.
Eine treibende Kraft im Hintergrund
Nach der Andacht berichtet Martina vom Wochenende der Neugründung des Diözesanverbandes Dresden-Meißen/Görlitz. “Es war ein richtig schöner Tag”, schwärmt sie. Sogar eine Kolpingjugend habe der Verband jetzt wieder. Das jüngste Mitglied sei gerade einmal ein halbes Jahr alt. Es trug ein T-Shirt mit der Aufschrift ‘Kolpingjugend’. Es sieht also gut aus für Kolping", schließt sie den Bericht mit einem Lachen. Alle stimmen in ihr Lachen ein.
Andreas Weser, der als Kassenwart im Vorstand der Kolpingsfamilie ist, verkündet stolz: “Martina ist jetzt stellvertretende Vorsitzende des neugegründeten Diözesanverbandes.” Martina ergänzt: “Aus jedem der beiden ehemaligen Diözesanverbände Dresden-Meißen und Görlitz gibt es eine Stellvertretung: ich für uns und Matthias Kunitzki für Görlitz.”
Stefan Sorek, der hauptamtlich als Regionalsekretär der Region Ost und ehrenamtlich als Diözesansekretär des neuen Diözesanverbandes tätig ist, freut sich auf die Zusammenarbeit mit Martina, die viel bewegt, auch wenn sie nicht gerne im Rampenlicht steht.
Gemeinsam in eine neue Zukunft

Wie Martina ist auch er von der Neugründung begeistert. “Beide Diözesanverbände haben Neu-gründung einstimmig zugestimmt”, sagt er. Beschlossen wurde diese dann – neben der neuen Satzung des gemeinsamen Diözesanverbandes und einigen Formalia – von je einem Vertreter oder einer Vertreterin jeder Kolpingsfamilie aus beiden Verbänden. Stefan erinnert sich: “Es war eine schöne und emotional geprägte Veranstaltung. Alle waren motiviert dabei.” Im Vorfeld musste jedoch viel Rechtliches und Offizielles geregelt werden. “Alexandra Horster und Guido Mensger haben den zweijährigen Prozess begleitet und die Neugründung intensiv mit vorbereitet”, sagt Stefan. Nicht zu vergessen ist das Engagement der beiden bisherigen Diözesanvorsitzenden Markus Jokisch (Dresden-Meißen) und Maria Rädler (Görlitz).
Als Stefan vor zweieinhalb Jahren seine Stelle als Regionalsekretär antrat, war ihm klar, dass sich die beiden Verbände zusammenschließen wollten. Dies sei bereits seit mindestens fünfzehn Jahren im Gespräch. “Es hatte nur noch niemand endgültig angepackt”, sagt er. Zwar gab es im Augenblick keinen Druck, diesen Schritt zu tun, aber aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen und der steigenden Kosten sei es perspektivisch sinnvoll. “Also haben wir gesagt: Lasst uns das jetzt machen! Wir können Synergieeffekte nutzen, indem wir die positiven Aspekte aus beiden Verbänden mitnehmen”, sagt Stefan. Diese Rechnung scheint aufzugehen. Martina ist davon überzeugt: “Ich verspreche mir sehr viel davon, dass wir jetzt ein großer Verband sind. Zusammen ist es einfach schöner!”
Ein bisschen Wehmut hat Stefan allerdings auch erlebt: “Beim Bannereinzug in der Kathedrale hatte eine junge Frau Tränen in den Augen, weil sie das Görlitzer Banner zum letzten Mal offiziell getragen hat.” Für Stefan ist klar, dass die Identifikation mit Kolping in den ostdeutschen Bistümern sehr hoch ist.
Wichtig sind die Menschen
Während des gesamten Prozesses legten die Verantwortlichen großen Wert auf das menschliche Zusammenwachsen. Den Auftakt bildete 2024 eine große gemeinsame Wallfahrt, seitdem finden viele Veranstaltungen gemeinsam statt. “Aber inzwischen werden die Räume eng, weil wir so viel Zulauf bei den gemeinsamen Veranstaltungen haben”, sagt Stefan und freut sich über die Entwicklung. Um den Neugründungsprozess abzuschließen, plant der neue Verband für August 2026 eine weitere Wallfahrt. Diese soll symbolisch den Abschluss des gemeinsamen, zweijährigen Weges der Zusammenführung bilden. Die beiden Bischöfe von Dresden-Meißen und Görlitz werden dem Wallfahrtsgottesdienst vorstehen.
Für die einzelnen Kolpingsfamilien wird sich mit der Neugründung wenig ändern – außer, dass das Veranstaltungsangebot wächst. Eine Entwicklung, die auf breite Zustimmung stößt.
Im Kolpingzimmer in Dresden-Cotta ist die Aufbruchsstimmung inzwischen deutlich spürbar. Klaus Strobach hat bereits seine Jacke angezogen. Auch er gehört dem Vorstand des neuen Diözesanverbandes an. Seine Haltung beschreibt er als vorsichtig optimistisch: “Es ist alles bereitet, jetzt muss es nur noch mit Leben gefüllt werden.”Für Martina ist dieser Prozess längst im Gange: “Mit Görlitz kommt noch einmal frischer Wind in unseren Diözesanverband. So bleibt Kolping lebendig”, sagt sie.
Nachdem alles wieder verstaut ist, fährt sie Gretel und Erika nach Hause. Dann endet auch für sie der Tag. Doch schon am nächsten Morgen geht es weiter: Um 9 Uhr treffen sich Andreas und Martina mit anderen Gemeindemitgliedern, um die Kirche zu reinigen. Besonders freuen sie sich auf das gemeinsame Frühstück im Anschluss.

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