Wo alte Handys landen – und was Mensch und Umwelt helfen würde

Handys stecken voll "kritischer Rohstoffe": Sowohl beim Abbau wertvoller Erze als auch beim Entsorgen von Elektroschrott verursachen sie Umweltschäden und menschliches Leid in Afrika. Doch eigentlich sind gebrauchte Mobiltelefone sehr gut recycelbar. Darum setzen sich KOLPING und das Hilfswerk missio für die Weiterverwertung von Handys ein.

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Christian Linker

Timon bekam sein erstes Handy zu Beginn der fünften Klasse, da war er zehn Jahre alt. Schon nach wenigen Wochen zeigte es die gefürchtete “Spider-App”, so nennen Jugendliche das, wenn das Handy beschädigt wird und feine Risse wie ein Spinnennetz das Display überziehen. Trotzdem benutzte er das Gerät tapfer weiter, bis es zum übernächsten Weihnachtsfest ein Neues gab. Das dritte hat er sich von seinem ersparten Geld selbst gekauft – und dann gleich wieder von vorn gespart, um sich ein noch neueres Modell zuzulegen. “Die Geräte Nummer zwei und drei hab ich verkauft”, berichtet der Schüler. “Aber mein erstes Teil, das mit der Spider-App, liegt noch irgendwo in der Schublade.”

Eine solche Schublade hat auch Saskia. Die heute fünfzigjährige Rechtsanwältin erinnert sich an den ersten Handykauf Ende der Neunzigerjahre. “Groß und schwer wie ein Ziegelstein. Dafür hat es auch mindestens drei Jahre gehalten.” Dann wurden die Geräte kleiner, handlicher und die Gebrauchsdauer deutlich kürzer, irgendwann um 2010 herum sei sie vom “Tastenhandy” aufs Smartphone umgestiegen. Die Zahl ihrer bisherigen Mobiltelefone schätzt sie auf zwölf bis fünfzehn Stück. “Manche habe ich verschenkt oder verkauft, ein paar liegen aber hier noch herum, damit ich sie irgendwann mal zum Recycling gebe. Immerhin ist mein aktuelles Handy refurbished.” Also ein gebrauchtes Gerät, das von einem Anbieter neu instandgesetzt wurde.

 

“Je mehr in Deutschland recycelt wird, desto weniger illegale Elektroschrott-Exporte gibt es, die meine Heimat Ghana verschmutzen.”

Sister Mercy Benson

Die berühmte Handy-Schublade gibt es statistisch gesehen in jedem deutschen Haushalt. Rein rechnerisch liegen zwei oder drei nicht mehr genutzte Geräte darin. Insgesamt 195 Millionen ausgediente Mobiltelefone vermutet der Digitalverband Bitkom laut seiner aktuellen Umfrage von 2025. Damit ist der Handyberg immerhin etwas abgeschmolzen – drei Jahre zuvor waren es noch 210 Millionen. Wer sich von seinem Alt-Handy trennt, so die Untersuchung von Bitkom, verkauft es meist weiter oder gibt es beim Kauf eines neuen Gerätes in Zahlung. 7 Prozent der Handys werden verschenkt und lediglich 8 Prozent landen bei kommunalen Recyclinghöfen oder anderen Annahmestellen.

Althandys zurückgeben und die Welt ein bisschen besser machen

Der Stopp der Handy-Sammelaktion wegen der Einstufung als Gefahrguttransport beschäftigte im Frühjahr 2023 sogar den Deutschen Bundestag. Unter Verweis auf die Kolpingsfamilien in Recklinghausen wollte der Unions-Abgeordnete Michael Breilmann von der Bundesregierung wissen, ob sie die Besorgnis um künftig mögliche Sammelaktionen teile. Die Antwort der Regierung fiel einsilbig aus: Es werde bereits an alternativen Transportmöglichkeiten gearbeitet.

Rund zwei Jahre später zeichnet sich immer noch keine praktikable Lösung ab, wie Kolpingsfamilien Handys sammeln können. In der Zwischenzeit ruft die Verbandsleitung dazu auf, ungenutzte Althandys weiterzuverkaufen (etwa Refurbed), zu Sammelstellen (Handysammelcenter.de) zu bringen oder zu versenden.

Zu Refurbed

Zu Handysammelcenter.de

Wenn Handy-Käufe Kriege finanzieren

Auch Kolping hat sich lange für das Recycling von Handys eingesetzt und in vielen Kolpingsfamilien Sammelaktionen durchgeführt. In Zusammenarbeit mit dem päpstlichen Hilfswerk missio Aachen und der Telekom konnten Kolpingmitglieder die stolze Summe von 60.000 Altgeräten zusammentragen. Doch die Aktion musste unterbrochen werden, als Mobiltelefone als Gefahrgut eingestuft wurden und sich darum ganz neue Anforderungen an die Transportsicherheit ergeben haben.

Dabei ist das Recycling von Handys aus zwei Gründen wichtig, denn sowohl der Anfang wie auch das Ende im Lebenszyklus eines Gerätes sind problematisch für Mensch und Umwelt. In Mobiltelefonen stecken wertvolle Rohstoffe, darunter sogenannte “kritische Metalle” wie Kobalt, Tantal und seltene Erden. Ein Smartphone enthält ungefähr 306 Milligramm Silber und 30 Milligramm Gold, in einem Akku stecken 6,3 Gramm Kobalt, so listet es die Verbraucherzentrale NRW auf. Was auf den ersten Blick wenig klingt, erschließt sich in der Masse: So bringt eine Tonne alter Handys 250 Gramm Gold auf die Waage. Zum Vergleich: Aus einer Tonne Golderz lassen sich nur etwa vier Gramm Gold gewinnen. Man muss also 62,5 Tonnen Golderz abbauen, um dieselbe Menge Gold zu gewinnen wie aus einer Tonne gebrauchter Mobiltelefone. Und das ist nicht nur eine ökonomische Frage. Vielmehr geschieht der Abbau der begehrten Mineralien oftmals unter entsetzlichen Bedingungen für Arbeiter*innen und deren Angehörige. Aus der Demokratischen Republik Kongo zum Beispiel wird schon lange über die Sklaverei-ähnlichen Umstände berichtet, unter denen Kinder, Frauen und Männer oft mit bloßen Händen das Erz aus dem Erdreich holen. Bei hohen Gefahren für ihre eigene Gesundheit – von der Umweltzerstörung ganz zu schweigen. Immer wieder werden die Minen im Osten Kongos zudem zum Kriegsgebiet. Die Regierung und die Rebellengruppe M23 liefern sich harte Kämpfe um die Abbaugebiete. Im Kongo werden 80 Prozent der weltweiten Vorkommen des Minerals Coltan vermutet, aus dem das für die Herstellung von Smartphones wichtige Tantal gewonnen wird. So dienen Handys letztlich auch der Finanzierung von Kriegen und der Terrorherrschaft lokaler Milizenführer.

Agbogbloshie: größte Schrotthalde der Welt

Die Wiedergewinnung dieser Rohstoffe aus Altgeräten in größerem Umfang könnte Druck von der Situation in den Abbaugebieten nehmen. Aber ebenso wie am Beginn des Lebenszyklus ergeben sich auch am Lebensende von Smartphone & Co. soziale und ökologische Probleme – und das insbesondere auch wieder auf dem afrikanischen Kontinent. Denn hier landet ein erheblicher Teil des Elektroschrotts aus den reichen Ländern des globalen Nordens – auch Mobiltelefone. Die UN-Initiative Global E-waste Statistics Partnership schätzt, dass allein 2022 weltweit 62 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen sind. Das höchste Aufkommen verzeichnet Europa. Hier werden immerhin 40 Prozent des Schrottberges recycelt; in Deutschland sind es derzeit 39 Prozent, womit die europaweit vorgegebene Rücklaufquote von 65 Prozent allerdings deutlich unterschritten ist.

Von unseriösen Händler*innen illegal als “Secondhand” deklariert, werden viele Althandys – zusammen mit ausrangierten Computern, Fernsehern, Kühlschränken – in Container verfrachtet und zum Beispiel in Ghanas Hauptstadt Accra abgeladen. Im dortigen Stadtteil Agbogbloshie erhebt sich die mutmaßlich größte Elektroschrotthalde der Welt. In Sichtweite des Ozeans steigen Rauchfahnen in den Himmel, überall brennen kleine Feuer, so wird der Ort von Besucher*innen beschrieben. Unter anderem verbrennen die Menschen die Plastikisolierung von Kabeln, um das darin geschützte wertvolle Kupfer freizulegen. Überwiegend Kinder und Jugendliche führen diese Arbeit aus und atmen dabei freigesetzte Dioxine und Chlor ein. Viele von ihnen erreichen das zwanzigste Lebensjahr nicht. Dennoch wächst Agbogbloshie. Der Zustrom des Elektroschrotts und die Möglichkeit der Verwertung haben eine Stadt in der Stadt entstehen lassen. Dabei scheint es eigentlich schwer vorstellbar, dass überhaupt Menschen in dieser “Toxic City” – Giftstadt – genannten Gegend freiwillig leben. Eine von denen, die es dennoch tun, ist die Steyler Missionsschwester Mercy Benson. “Der Geruch der giftigen Dämpfe ist kaum auszuhalten”, berichtet die Ordensfrau. “Beim Sprechen haben wir den Schmutz im Mund. Aber wir ertragen das, um für die Menschen da zu sein.” Mit Unterstützung des katholischen Hilfswerks missio haben Sister Mercy und ihre Mitschwestern inmitten der Giftstadt eine Schule gegründet. “Die Kleinen haben keine Wahl, ihre Mütter nehmen sie einfach mit zur Arbeit auf der Schrotthalde”, erzählt Sister Mery im NDR-Podcast “Gott und die Welt”. “Aber die älteren Kinder versuchen wir auszubilden, damit sie eines Tages für sich und ihre Familien ein besseres Leben schaffen können.”

 

Das "Recycling-Kreuz" als Symbol

Dieses Engagement lindert zwar die Folgen der unkontrollierten Einfuhr von Elektroschrott, kann aber deren Ursachen nicht beseitigen. Denn die liegen im Lebensstil der Länder des globalen Nordens. »Je mehr in Deutschland recycelt wird, desto weniger illegale Elektroschrott-Exporte gibt es, die meine Heimat Ghana verschmutzen«, so die Ordensschwester, die bereits bei der Europäischen Union und in Deutschland an Gesprächen zum Thema Recycling teilgenommen hat. Deshalb ruft Sister Mercy Benson gemeinsam mit dem Hilfswerk missio die Menschen in Deutschland dazu auf, sich aktiv um das Recycling zu bemühen. Ganz konkret fordern die Akteur*innen die Einführung eines Pfadsystems für Handys, wie es etwa bei Flaschen und Getränkedosen ganz selbstverständlich ist. 

Anfang April fand sich dazu eine Abordnung von missio auf der Müllhalde in Agbogbloshie ein, um dieser Forderung gemeinsam mit den Einheimischen Gehör zu verschaffen. “Wir brauchen Handys mit Gold-zurück-Garantie”, sagt Pfarrer Dirk Bingener, Präsident von missio Aachen. Bei einem Gottesdienst mit über tausend Mitfeiernden in der Kathedrale von Accra präsentierte er das von Papst Leo XIV. gesegnete “Recycling-Kreuz” als Symbol für die Forderung nach einem Handypfand. Das Kreuz besteht auf der einen Seite aus dem Messing defekter Klimaanlagen von der Elektroschrotthalde Agbogbloshie. Gefertigt wurde es von dem dort lebenden Künstler Salifu Iddriss. Die andere Seite zeigt alte Handys mit Fotos von Menschen aus Ghana und dem Kongo. Die Gestaltung übernahm der in Wuppertal wirkende Künstler Till-Martin Köster. “Ich habe bei der Arbeit an mittelalterliche Kreuze mit Preziosen wie Edelsteine und Gemmen gedacht”, sagt Köster. “Ich fand, die goldenen und silbernen Mikrochips sahen in gewisser Hinsicht ganz ähnlich aus. Auf diese Weise erzählt das Kreuz die Geschichte unseres Mülls und der Metalle, die in Minen im Kongo durch Arbeit in sklavenartigen Verhältnissen gewonnen werden, und die dann wiederum als Elektroschrott nach Afrika zurück verschifft werden.” Köster versteht sein künstlerisches Wirken auch als eine Antwort auf die heutigen Konsumgesellschaften. “Ich plädiere für das Selbermachen, die Achtsamkeit, das Wiederverwerten, den sorgsamen und nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, die Poesie, die Sensibilität für Minderheiten, die Vielschichtigkeit und intensive, umfassende Anschauung der Welt.” Das Kreuz, das auch schon bei der letzten Kolping-Bundesversammlung zu Besuch war, soll demnächst in Berlin und Brüssel Station machen und die Forderung zum Umdenken beim Elektroschrott in Deutschland und Europa unterstützen.

Altgeräte verwerten

Ein Handypfand, sollte es denn eingeführt werden, wirkt natürlich nur für Neugeräte. Für die “Schubladen-Handys” von Timon, Saskia und Millionen anderen bleibt die Abgabe bei Sammelaktionen wie beim Katholikentag, bei Sammelstellen oder Verwertungsgesellschaften.

“Egal ob klobiges Tastenhandy oder vorletzte Smartphone-Generation – jedes alte Gerät enthält wertvolle Rohstoffe, die zu rund 80 Prozent wiederverwertet werden können”, sagt Bundessekretärin Alexandra Horster. “Dazu wollen wir als Kolping Deutschland unseren Beitrag leisten und rufen gemeinsam mit unserem Partner missio dazu auf, die ungenutzten Altgeräte an Verwertungsgesellschaften zurückzusenden.”  

 

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